Einführung

Im Rahmen des Novemberschreibens 2007 habe ich „Weite Reise“ niedergeschrieben.

Die Erzählung handelt von Elsa Kessel, einer jungen, gehbehinderten Lehrerin, die von Zürich nach Plürsch im Bündnerland umzieht, um dort eine Stelle anzutreten.

Zwei Wochen vor dem Novemberschreiben verstarb meine Mutter nach kurzer schwerer Krankheit. Darum ist „Weite Reise“ auch ihr gewidmet.

Da mir „Weite Reise“ sehr am Herzen liegt, habe ich diese Erzählung lange nicht veröffentlicht. Ein guter Freund hat mich dann schlussendlich überzeugt. Was habe ich auch zu verlieren?

Euer Echo in den letzten Wochen , liebe treue Leser und Leserinnen, hat mich sehr motiviert.

Hier beginnt die Geschichte.

Wer die Geschichte gerne auf seinem eReader lesen möchte, kann hier das eBook (EPUB-Format) runterladen:

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Vielen Dank an Joe Stalder für die Erstellung der eBook-Version!

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41. Kapitel: Ende und Anfang

Die folgenden Wochen waren sehr anstrengend. Elsa, Robert, Miriam, ihr Mann, Berta und Frieda wechselten sich an Sybilles Krankenbett ab. So konnte jeder seiner Arbeit nachgehen. Frieda und Berta sorgten dafür, dass Sybille Musik hören konnte. Elsa las ihr Märchen vor. Miriam und ihr Ehemann brachten jeweils ihre Kinder mit , und Robert hielt einfach ihre Hand und schwieg. Die beiden Eheleute hatten sich ausgesöhnt und nun war alles gut zwischen ihnen. Sybilles Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag. An ihrem letzten Tag war sie nicht mehr bei Bewusstsein. Sie versuchte zu atmen, doch das Wasser in ihren Lungen hinderte sie daran.

Am 17. Juni 1951 schlief Sybille Forster friedlich im Kreise ihrer Freunde und ihres Mannes ein. Sie weinten, denn erst Sybilles Anwesenheit hatte ihnen klar gemacht, wie sehr sie alle einander verbunden waren.

Der Pfarrer sprach bei ihrer Beerdigung tröstliche Worte. Das Trauermahl am Ende war gut besucht, denn einige ihrer Freunde aus Zürich hatten den Weg ins Bündnerland gefunden. Ihren letzten Ruheplatz fand Sybille gemäss ihres Wunsches neben Bertas Mutter.

Elsa würde im Dorf bleiben. Auch sie hatte ihren Frieden gefunden. Das Trauma des Überfalls von Julius würde sie ein Leben lang begleiten. Ihr Rezept dagegen bestand im Umbau und in der Neunutzung der Lehrerwohnung. Die Oberälpler sollten im Winter dort wohnen, damit sie nicht mehr so von der Aussenwelt abgeschnitten waren. Das taten sie auch, denn schliesslich hatten sie ihre Tochter Elsy nach der Lehrerin getauft.

Elsa und Robert warteten die Trauerzeit von einem Jahr ab, bevor sie heirateten.

Ende

40. Kapitel: Wie weiter?

Natürlich hatten die Leute im Dorf mitbekommen, dass Elsa wieder im Schulhaus wohnte. Doch nur die wenigstens waren auf den Grund dafür gestossen. Miriam besuchte ihre Freundin und brachte ihr ein paar Blumen.
„Du vergräbst dich hier in diesem Haus, obwohl du dich hier gar nicht wohl und sicher fühlst.“
Elsa nickte.
„Es geht mir nicht besonders gut. Ich schäme mich. Warum hat er mir nicht gesagt, dass er noch verheiratet ist? Warum hast du mir nichts gesagt?“
Miriam blickte sie ernst an.
„Einige wussten es noch. Andere wiederum haben Sybille jahrelang nicht mehr gesehen. Es muss doch einen Grund haben, dass sie so plötzlich hierher gekommen ist.“
Elsa nickte erneut.
„Sie ist sehr krank.“
Miriam strich ihrer Freundin über die Schulter.
„Du bist doch ein gläubiger Mensch. Glaubst du nicht auch, dass es deine Christenpflicht ist, diesen zwei Menschen beizustehen?“
Elsa schüttelte den Kopf.
„Überlege doch, sie kann nichts dafür, und er konnte es nicht sagen, weil es ihn damals so sehr verletzt hat. Du hast ihn geöffnet. Ich bin sicher, er hätte sich dir anvertraut. Irgendwann.“
„Ja. An jenem Morgen, als ich in seinem Bett erwacht bin und seine Frau vor der Tür stand?“
„Er begeht Ehebruch, nicht du. Du hast von nichts gewusst. Du bist Jane Eyre und er Mr. Rochester.“
„Und du bist verrückt.“

Während Elsa wie eine Irre das Innere des Schulhauses auf Vordermann brachte, unterstützt von ihrer Freundin Miriam und begleitet von Katharina der Grossen, pflegte und untersuchte Robert seine Ehefrau. Sybille sah schlecht aus. Ein Kollege in Zürich hatte bei ihr Leberkrebs diagnostiziert. Sie fühlte sich den Umständen entsprechend gut, war aber ein wenig schwach auf den Beinen.
„Du solltest bei deiner Freundin vorbeischauen“, flüsterte Sybille.
„Das hat Zeit. Sie ist ohnehin wütend auf mich.“
„Sie liebt dich. Und sie ist bereit, mit dir hier oben zu leben. Das war ich nie.“
„Du hattest zuwenig Zeit, dich einzuleben.“
„Mach dir nichts vor, Robert. Ich wollte es nicht. Ich wollte meinen Spass. Julius hat das immer gespürt. Er hat mich gefragt, ob ich dich wirklich will. Das war der Grund, warum wir jahrelang nicht mehr miteinander sprachen. Ich habe dich damit so sehr verletzt.“
„Ich hätte nicht nie in Zürich leben können.“
Sie nickte müde.
„Du warst immer ein Naturbursche. Deshalb hab ich dich so geliebt. Aber ich war nie eine Frau, die zwischen Kuhfladen und Holzscheiten alt werden kann. Ich wollte Kleider von Dior, Konzerte, die Oper. Ich hab nicht gesehen, was du mir wert warst und ich hab dich verletzt.“
Robert hielt ihre Hand.
„Du sprichst, als würdest du bald sterben.“
Sybille lächelte ihn matt an.
„Du hättest Arzt werden sollen.“
Robert versuchte zu lächeln, doch stattdessen lief ihm eine Träne über sein Gesicht.
Am Abend klopfte es an seiner Tür. Elsa stand draussen.
„Ich wollte nicht stören.“
„Du störst nicht.“
Robert stellte Elsa erneut seiner Frau vor. Sybille gab ihr die Hand.
Elsa blickte die Frau an. Sie war um die Vierzig, rothaarig und hatte eine spitze Nase. Sie musste eine wunderschöne Frau gewesen sein, bis der Krebs begonnen hatte, ihren Körper zu zerstören. Doch nun sah man ihr den Krebs, der in ihr wütete, an.
Elsa sprach mit Sybille über Zürich. Sie tauschten sich über Plätze, die sie beide kannten, aus. Sybille kannte sogar Elsas Mutter von einem Empfang.
„Sie sollten ihr einen Brief schreiben. Sie wartet sehnsüchtig darauf.“
Elsa schluchzte, Robert versuchte, sie zu trösten.
Die beiden gingen in die Küche.
„Wie schlimm ist es?“
„Sie wird bald sterben. Sybille ist ganz allein.“
„Wie wird es sein? Wird sie leiden?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich werde ihr Morphium spritzen.“
„Brauchst du mich? Braucht ihr mich, oder werde ich euch stören?“
Er umarmte Elsa.
„Nein, du störst nicht. Und ich wüsste nicht, was ich tun sollte, wenn du nicht mehr bei mir bist.“
Elsa drückte sich an ihn. Sie weinte. Nachdem sie sich beruhigt hatte, gingen sie zu Sybille.
Sybille sollte nicht alleine sterben.

39. Kapitel: Die Entscheidung

Elsa war gerade die Treppe herab gekommen, weil sie sich vergewissern wollte, dass sie nicht schlecht geträumt hatte. Sie stand im Türrahmen und glaubte, für einen Moment nur, gleich von der Hölle verschluckt zu werden.
Wortlos ging sie zurück in ihr Zimmer und packte ihre Kleider in den Koffer.
Von Robert und Sybille unbemerkt verschwand sie durch die Türe.
Nachdem Sybille ihm erzählt hatte, was sie die letzten paar Jahre getan hatte, richtete er ihr ein Bett in jenem Keller, in welchem ihre Praxis hätte entstehen sollen. Es war ihm klar, dass seine Frau hier bleiben würde. Er würde für sie sorgen.

Elsa war währenddessen geschockt ins Schulhaus zurück gekehrt. Es schien ihr, als sei dieses Gebäude der einzige Ort, an dem sie zu ihrer Ruhe zurückfinden würde. Sie holte einen Staublappen und begann die Möbel in ihrem Schlafzimmer zu säubern. Nach einem Moment des Zögerns betrat sie Julius’ ehemaliges Zimmer und begann, es aufzuräumen. In seinem Schrank fand sie zwischen stinkenden Kleidern einige Porträtzeichnungen und ein Tagebuch. Sie wusste natürlich, dass es nicht für sie bestimmt war, doch in ihrem momentanen Zustand waren ihr moralische Vorkehrungen egal. Elsa blätterte in dem Buch und begann auf der ersten Seite zu lesen:

21. März 1940
Ich habe überall nach ihr gesucht, doch sie scheint verloren und verschwunden. Ich fürchte mich vor der Zukunft, möchte mich am liebsten umbringen, doch irgendeine Kraft hält mich am Leben. Einige von uns waren im Val de Travers, wir tranken Absinthe, doch die grüne Fee hauchte mir keinerlei Inspiration ein. Die Kameraden lachten, doch ich konnte es nicht. Mehr als einmal wünschte ich mir, ich hätte den Mut, mir die letzte Kugel durch den Kopf zu jagen.

25. März 1940
Ich bin krank geworden, habe einen Ausschlag. Der Truppenarzt meinte, ich hätte die Syphilis. Er vermutete nur. Ich wusste es. Sie war krank gewesen und hat es mir wohl angehängt. Ich wünsche ihr den Tod so sehr, wie ich sie liebe. Sie wollte mich nicht, was mir das Herz bricht. Robert ist Sanitätsarzt. Er ist so tapfer, der Stolz unseres Vaters, während ich der herumhurende Sohn bin. Egal, was ich tue, in seinen Augen gilt nur Robert.

2. April 1940
Robert hat Sybille geheiratet. Sie liebt ihn nicht. Er liebt sie über alles. Ich weiss es. Ich seh‘ es ihm an. Sie ist nicht kalt. Aber sie weiss, was sie will. Sicherlich wird sie nicht mit ihm ins Dorf zurückkehren. Ich kenne ihre Träume. Sie wird irgendwann eine eigene Praxis haben und reiche Leute behandeln. Aber sie wird nicht in einem heruntergekommenen Bauernkaff Kinder entbinden und alte Leute in den Tod begleiten. Das kann sie nicht, das wäre gegen ihre Natur.

Elsa musste sich setzen. So war das also.
Sie verstand mit einem Mal, was ihr vorher nicht klar gewesen war. Während sie überlegt, was sie nun tun würde, putzte sie weiter. Sie musste denken. Elsa brauchte einfach genügend Zeit, um zu überlegen, was sie nun tun würde.

38. Kapitel: Alles bricht in sich zusammen

Elsa blickte ihn ungläubig an, holte aus, und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Sie drehte sich ohne ein weiteres Wort um und flüchtete in ihr Zimmer.
Robert hielt sich die brennende Wange.
„Na, du bist mir ja vielleicht einer“, bemerkte Sybille trocken.
„Sie ist mindestens 15 Jahre jünger als ich.“
Robert stöhnte und schüttelte den Kopf.
„Mein Gott, Sybille. Du hättest dir keinen besseren Tag aussuchen können.“
„Scheint so, Robert. Aber gib nicht mir die Schuld an deinem Schlamassel. Du hättest vor fünfzehn Jahren bloss in die Scheidung einwilligen müssen. Aber das hast du nie gewollt. Du bist selbst schuld.“
„Sei ruhig!“, zischte er.
Sie zuckte resigniert die Schultern.
„Wie kommst du darauf, nach so langer Zeit einfach hier aufzutauchen?“
Sybille berührte schüchtern seine Hand. „Sei mir nicht böse. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte.“
„Wollen dich deine Freunde in Zürich nicht mehr?“
Sybille schüttelte den Kopf, während in ihren Augen Tränen glänzten.
„Du warst die einzige Familie, die ich je hatte. Meine Eltern sind tot , und ich habe keine Kinder.“
„Du wolltest ja nie.“
Sie nickte.
„Ich wollte die Welt erobern. Ich glaubte, wenn ich einfach nur in der Forschung tätig sein kann, bin ich glücklich. Medizin ist mein ein und alles.“
„Du arbeitest noch immer am Universitätsspital? Hältst Du Vorlesungen?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Und?“
„Ich war glücklich. Jetzt bin ich’s nicht mehr.“
Robert blickte sie fragend an.
„Ich kann nicht mehr arbeiten. Ich sterbe, Robert. Ich habe Krebs. Ich will nicht alleine sterben.“
Sie weinte, und er umarmte sie.

37. Kapitel: Der Besuch

Robert staunte nicht schlecht, als am nächsten Morgen ein weisser Mercedes vor seinem Haus anhielt und eine ihm wohlbekannte Person aus dem Auto trat.
„Sybille“, entfuhr es ihm. Eine grazile, vielleicht fünfundvierzigjährige Frau mit wallendem roten Haar lächelte ihn freundlich an. Robert fühlte sich, als sei er aus einem fahrenden Zug herausgeworfen worden. Er überlegte kurz, was er jetzt tun sollte. Sollte er Elsa wecken? Oder wäre es sinnvoller, sich einen Chrüter einzuschenken? Er beschloss schliesslich, die Sache auf sich zukommen zu lassen. Sybille trat auf ihn zu und umarmte ihn.
„Robert, ich habe dich schon so lange nicht mehr gesehen.“
Sie wollte ihn auf den Mund küssen, doch er drehte sich leicht ab, dass sie seine Wange berührte. Es war wirklich lange her. Sieben Jahre? Acht? Er wusste es nicht mehr. Sie trug noch immer ihren Ring. Das wunderte ihn.
Sie blickte ihn ernst an.
„Ich muss mit dir reden, Robert. Im Haus.“
Sie betraten das Haus, als in jenem Moment Elsa aus Roberts Schlafzimmer trat.
„Und wer ist das, wenn ich fragen darf?“ wollte Sybille lächelnd, aber nicht wirklich erstaunt wissen.
„Das ist Elsa.“
Sybille reichte der Frau, die ein Barchetnachthemd trug, die Hand. Erst in jenem Moment bemerkte sie ihr Hinken und blickte Robert fragend an. Auch Elsa blickte ihn fragend an.
„Das ist meine Frau, Sybille“, entfuhr es ihm.

36. Kapitel: Es lenkt sich einiges ein

Endlich war der Tag gekommen, an dem man über Elsa Kessel zu Gericht sitzen würde. Das halbe Dorf hatte Elsa zur Verhandlung begleitet: Robert, die Gröblins, der Pfarrer und der Oberalpbauer. Sie war froh, dass so viele Menschen an ihrer Seite ausharrten, während die beiden Polizisten von ihren Ermittlungen erzählten.
Der Richter, ein älterer Herr mit englischem Backenbart, blickte zwar ernst, aber nicht unfreundlich., wie Elsa fand. Rosenbaum hatte als Zeugen von Elsas Integrität alle aufgeboten, die irgendwie etwas zu sagen hatten. Isaak strich die charakterlichen und körperlichen Eigenheiten der Angeklagten hervor und liess die Leute aus dem Dorf über ihr Engagement berichten. Die Aussagen Roberts und des Arztes der Klinik liessen den mysteriösen Unfall schliesslich in einem anderen Licht erscheinen. Der Richter hörte sich alle Zeugen geduldig an, bevor er sich zurückzog, um sein Urteil zu formulieren. Die Plürscher indessen scharrten sich um ihre Lehrerin, um sie aufzubauen. Elsa sprach nicht gerade viel. Es ging ihr sichtlich schlecht. Als sie nach zwei Stunden wieder in den Gerichtssaal gerufen wurden, musste Miriam ihre Freundin stützen.
Elsa musste sich vor dem Richter erheben und ihn ansehen.
„Fräulein Kessel, ich habe den Fall Julius Forster angehört und ich werde Ihnen nun mein Urteil mitteilen. Ich möchte Ihnen sagen, wie sehr es mich sehr betroffen macht, was Sie erdulden mussten. Dabei ist es mir auch ein Anliegen, mein Missgefallen auszudrücken, dass die Dorfgemeinschaft nicht früher reagiert hat, als sie bemerkte, wie krank Julius Forster war. Nach eingehender Auseinandersetzung stelle ich deshalb fest, dass Sie, Fräulein Kessel unschuldig sind. Sie sind nicht für den Sturz und die schweren Verletzungen des Julius Forster verantwortlich und daher spreche ich Sie von aller Schuld frei.“
Alle jubelten, Robert stand auf und umarmte Elsa.

Als sie am Abend aus Chur nach Plürsch zurückkehrten, wussten die daheim Gebliebenen bereits vom Freispruch. Sie feierten Elsa, als hätten sie alle, trotz ihrer eidgenössisch verordneten Neutralität einen Krieg gewonnen.
Elsa verbrachte den Rest der Nacht in Roberts Bett, wo sie sich mehrere Male liebten und dabei unsagbar glücklich waren.

35. Kapitel: Eine Nacht und ein Tag

Elsa nickte und sie küssten sich erneut.
Dieses Mal ahnte Elsa, dass es nicht bei diesem einen Kuss bleiben würde. Roberts Berührungen auf ihrer kalten Haut schienen sie zu verbrennen. Sie gingen ins Haus hinein, in sein Schlafzimmer und sie zogen sich gegenseitig aus. Er küsste die von den Scherben gemachten Narben, ihren Bauch, in dem niemals ein Kind wachsen würde, ihre Lippen und ihre Augen.
Sie umarmten sich und Elsa stöhnte auf, als Robert in sie eindrang. Sie nahm seine Wärme wahr, seine Stimme. Alles. Es schien ihr, als würde sie in jenem Moment wieder lebendig werden. Sie berührte sein Gesicht, seinen Rücken, streichelte seinen Kopf. Elsa spürte ihn mit jeder Faser ihres Körpers. Die Narben, die innerlichen, verblassten langsam.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, schien ihr das Laken kalt. Robert war bereits aufgestanden und sie sah zu, dass sie sein Zimmer verliess.
Pünktlich stand sie im Schulzimmer und unterrichtete ihre Schüler. Sie sangen Lieder und den Schülern erschien die Stimme von Fräulein Kessel noch nie so klar und hell. Nach dem Unterricht fanden die Schüler ein Blumensträusschen vor der Tür. Sie kicherten.
Elsa kehrte am Mittag ins Haus zurück und fand auf dem Küchentisch einen Brief von Robert.
„Es war schön. Danke. Ich liebe Dich.“ Sie hielt den Brief an ihr Herz.
Sie wartete am Abend auf ihn, hatte gekocht, doch er kam nicht.
Miriam richtete ihr aus, er sei nach Wil gefahren, um seinen Bruder zu sehen.

Sein Bruder war in einem erbärmlichen Zustand. Es war Robert nie aufgefallen, dass sein Bruder an seinem ganzen Körper Geschwüre trug. Zwar hatte ihn Elsa darauf hingewiesen, doch er hatte ihre Worte nicht ernst genommen. Sie waren rötlich verfärbt. Er nahm ein paar Untersuchungshandschuhe und berührte die Ausschläge. Sie fühlten sich gummiartig an.
Der Stationsarzt sah besorgt aus.
„Ihr Bruder ist todkrank. Er leidet an Syphilis im vierten Stadium. Wir haben ihn getestet. Haben Sie denn nie bemerkt, wie krank er war?“
Robert schüttelte den Kopf.
„Das habe ich nicht. Ich habe vermutet, dass er sehr krank ist. Ich habe es wahrscheinlich nicht wahrhaben wollen.“
„Ihr Bruder griff eine Frau an?“
Robert nickte.
„Er leidet krankheitsbedingt zusätzlich an einer chronischen Hirnentzündung. Er konnte wohl nicht einmal mehr richtig schreiben. Der Treppensturz war ein Unfall. Seine schweren Verletzungen jedoch stammen von der Syphilis. Sogar seine ganzen Gelenke sind in Mitleidenschaft gezogen. Seine Lähmung ist bedingt durch die Schädigung seines Gehirns.“
Robert wusste nicht, ob er weinen oder lachen sollte.
„Werden Sie diese Aussage beeiden? Ich meine, können wir davon ausgehen, dass die Verletzungen von seiner Krankheit herführen und nicht vom Unfall.“
Der Arzt nickte.
Robert trat nochmals zu seinem Bruder, der im Dämmerzustand dalag und strich über dessen Kopf.
„Mein armer Bruder. Elsa soll nicht dafür büssen müssen.“ Julius blickte ihn aus trüben Augen an, schien ihn jedoch nicht zu erkennen.
„Er ist erblindet“, antwortete der Arzt auf Julius fragenden Blick.
Da kniete sich Robert zu seinem Bruder nieder und weinte an dessen Seite. Er weinte um der verlorenen Jahre wegen, der vergangenen Monate und des Glückes wegen, das er in der letzten Nacht empfunden hatte.
Später fuhr Robert zurück ins Dorf. Er kam erst spät in der Nacht an. Elsa schlief bereits und er warf lediglich einen Blick auf sie. Sie lag friedlich in ihrem Bett. Er beugte sich über sie und streichelte ihr Haar. Am nächsten Morgen erhielten Elsa und Robert die Einladung zur Gerichtsverhandlung, welche in zwei Wochen stattfinden sollte. Elsa gab sich alle Mühe, nicht laut los zu schluchzen. Robert glaubte fest daran, dass ihr nichts geschehen würde.

34. Kapitel: Ein Tanz und ein Kuss

„Warum gehen Sie schon wieder? Sie haben noch nicht einmal getanzt!“
Elsa blickte ihn wütend an und er erschrak für einen kurzen Moment, denn er hatte sie noch nie so gesehen. „Mir ist nicht nach Tanzen. Ich kann nicht tanzen. Ich bin ein Krüppel. Haben Sie das denn nicht bemerkt?“
Sie weinte und schlug mit ihren Fäusten kraftlos auf ihn ein.
Er hielt ihre Hände fest und blickte sie ernst ein.
„Sie sind kein Krüppel und Sie wissen das. Sie fühlten sich nur besser in Ihrem Elend, wenn Ihnen das jeder zu spüren gäbe. Aber das tut hier niemand. Nur Sie selber.“
Sie hielt inne und ihre Tränen rannen an ihren Wangen herab.
„Ich hab’s nicht verdient, glücklich zu sein.“
Er schüttelte den Kopf.
„Das hat jeder Mensch verdient, gleich, was war. Was ist. Und was sein wird.“
Elsa begann wieder zu weinen.
Er blickte sie ernst an.
„Was bedrückt Sie so? Ich glaube nicht, dass alleine die Geschichte mit Julius Sie traurig macht. Bitte erzählen Sie’s mir.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht.“
Er reichte ihr die Hand.
„Kommen Sie, wir tanzen.“
Sie tanzten vor seinem Haus auf der Strasse. Elsa legte ihren Kopf an seine Brust und er konnte spüren, wie ihre Tränen sein Hemd durchnässten. Er hielt inne, blickte Elsa an und sie küssten sich. Es kam ihm vor, als hätte er noch nie in seinem Leben einen Menschen so geküsst. Sie setzten sich auf die Holzbank.

„Erzähl es mir, Elsa, egal, was es ist.“
Und Elsa begann, ihm ihre Geschichte zu erzählen.
„Es begann alles nach dem Krieg. 1947, ich war 23 Jahre alt. Seit ein paar Monaten war ich mit einem ehemaligen Nachbarsjungen, Alex hiess er, näher befreundet. Sein Vater hatte nach dem Krieg ein Vermögen gemacht, während meine einstmals wohlhabende Familie beinahe verarmt war. Unser Vater hatte bereits in den zwanziger Jahren sein Vermögen verspekuliert und einzig die Unterstützung der Familie meiner Mutter liess uns einigermassen angemessen leben. Ich sollte eine Schule für höhere Töchter besuchen, doch wir hatten kein Geld mehr. Meine Freundschaft zu Alexander wurde von meiner Familie gefördert. Er studierte Jura. Sein Vater überhäufte uns mit Geschenken. Alexander war einer der ersten Schweizer, die nach dem Krieg einen Sportwagen fuhren. Wir reisten in der halben Schweiz herum, und ich weiss bis heute nicht, woher er den Treibstoff hatte. Ich musste keinen Hunger mehr leiden. Ich bekam schöne Kleider und Strümpfe von Alex und seinen Eltern. Ich wurde behandelt wie eine Prinzessin. Alle um uns herum schienen glücklich, weil wir beide uns gefunden hatten. Ich wurde schwanger. Doch auch das war für unserer Familien kein Grund, sich aufzuregen. Wir wussten, wir würden heiraten, ein schönes Haus bewohnen und glücklich sein.
Doch der Unfall zerstörte alles. Alexander verlor in einer scharfen Kurve die Kontrolle über sein Fahrzeug. Er blieb unverletzt. Mein ganzer Oberkörper war von den Scherben der Scheibe zerschnitten. Aber das schlimmste war: ich hatte das Kind verloren. Mein Unterkörper wurde von den Sitzen eingequetscht. Ich war unfruchtbar und ein Krüppel geworden. Ich gab mir solche Mühe, doch ich konnte nicht mehr. Und ich fühlte, wie sehr mich Alexander, der mir in der ersten Zeit im Spital noch beigestanden war, satt hatte. Alexander gab mir zu verstehen, dass er nun keinen gesteigerten Wert mehr auf meine Freundschaft lege. Als Grund gab er an, er könnte sich mit einer verkrüppelten Frau nicht mehr sehen lassen. Wir stritten, und ich verfluchte ihn. Alexander verliess mich. Meine Mutter hat das nicht verkraftet. Sie gab mir die Schuld und verwies mich des Hauses. Alexanders Eltern gaben mir eine Summe Geld, damit ich ihren Sohn wegen des Unfalls nicht verklagte, und ich beschloss, fortzugehen.
Ich wollte mich zuerst in die Limmat stürzen, doch eine Schwester des Klosters hat meine Absichten bemerkt und mich mitgenommen. Sie päppelte mich auf. Von ihr erfuhr ich von dem Lehrerinnenseminar. Da wusste ich, dass ich mein Geld für diese Ausbildung ausgeben würde. So wurde ich Lehrerin. Und so kam ich hierher.“ Robert blickte sie an.
„Das ist ja schrecklich“, flüsterte er, „und was geschah dann?“
„Alexander? Er hat sich umgebracht. Mit seinem Auto ist er gegen einen Baum gerast. Bevor ich hierher kam, erreichte mich sein Brief und er flehte mich an, ihm zu vergeben. Ich habe es nicht getan und er hat sich umgebracht. Diese Schuld ist schlimmer als alles andere in meinem Leben.“
Darauf wusste Robert nichts zu sagen. Tief drinnen wusste er jedoch, dass Elsa diese Schuld nicht zu tragen hatte. Das Verhalten des jungen Mannes machte ihn wütend.
„Du hast auf deinem ganzen Körper Narben.“ Elsa nickte.
„Ich habe keine Angst vor Narben, Elsa. Sie gehören zu dir. Ich möchte dir sagen: Ich liebe dich. Du kannst mir glauben, dass ich auch deine Narben lieben werde.“

33. Kapitel: Der Tanzabend

Nachdem der Schnee geschmolzen war, mittlerweile war es April geworden, machten sich die Leute im Dorf auf, den Frühling zu begrüssen. Nach Ostern fand jeweils ein Frühlingstanzabend, an dem jeder teilnahm, der noch bei Trost oder guter Gesundheit war.
Zum wiederholten Male versuchte Robert Elsa davon zu überzeugen, auch daran teilzunehmen.
„Jeder kommt hin. Auch Sie müssen kommen. Die Leute vom Dorf erwarten Sie. Sogar der Pfarrer kommt.“
Elsa fühlte sich ungut.
„Ich kann nicht tanzen. Was soll ich denn da?“
„Wein trinken? Sich über jene amüsieren, die nicht tanzen können?“
Sie musste wider Willen lachen.
„Ich komme nicht gerne und nicht freiwillig, aber ich versuche es.“
Nachdem sich das Gerücht herumgesprochen hatte, dass Elsa trotz ihres lahmen Beins an den Tanzabend kommen würde, stand Miriam schon vor ihrer Haustür und überbrachte der Lehrerin ein blassblaues Tanzkleid.
„Meine Kinder haben Spuren hinterlassen“, lachte Miriam und fuhr sich mit der Hand kurz über ihren Bauch, „aber du wirst es tragen können.“ Elsa bedankte sich.
In ihrem Zimmer zog sie zum ersten Mal jenes Kleid an. Sie hatte schon über fünf Jahre kein solches Kostüm mehr getragen.
„Ist es richtig, dass du dich amüsierst?“ fragte sie ihr Spiegelbild. Doch es schien ihr keine Antwort geben zu wollen.

Auf dem Dorfplatz spielte die Blasmusik, die sich aus Musikanten des ganzen Tales zusammensetzte. Die Leute waren alle gekommen. Der Pfarrer begrüsste seine Schäfchen. Der Gemeindepräsident und seine Frau verteilten den Wein. Auf der linken Seite des Platzes standen die Jungfrauen, auf der anderen die jungen Männer. Elsa fühlte sich etwas unbehaglich. Sie reichte den Leuten die Hände zum Gruss und hielt Ausschau nach Robert. Dieser befand sich gerade in einem angeregten Gespräch mit der Präsidentin des Gemeinnützigen Frauenpflegevereins. Elsa hatte den Eindruck, als ginge ihre Person unter, so als wäre sie aus Glas und gar nicht richtig da. Eigentlich war ihr das recht, dass sie nicht auffiel, doch ohne die Gesellschaft von Robert fühlte sie sich fehl am Platze. Sie versuchte, sich irgendwo hinzusetzen, um gute Sicht auf den Tanzboden zu erhaschen. Elsa nahm die Blicke der Menschen um sich herum wahr. Schliesslich beschloss sie, wieder zu gehen. Sie konnte der fröhlichen Musik und dem Gesang nichts abgewinnen. Sie wusste nicht genau, weshalb, doch es schien ihr nicht richtig. Sie gehörte nicht auf den Tanz. Elsa war schon fast wieder im Haus oben angekommen, als sie plötzlich zurückgehalten wurde. Robert war ihr gefolgt.