28. Kapitel: Weihnachten in Zürich

Zuhause angekommen überreichten sie sich ihre Weihnachtsgeschenke. Robert freute sich über das Geschenk und überreichte ihr ein Buch. Es war eine Ausgabe der Zürcher Bibel. Er konnte ihrem Blick entnehmen, dass sie jene Ausgabe noch nicht besass. Sie dankte ihm und sass mit sittsam angewinkelten Beinen und Armen neben ihm auf dem altehrwürdigen Sofa.

Robert sah sie an und glaubte für einen Moment nachempfinden zu können, wie sich sein Bruder neben ihr gefühlt haben musste. Sie wirkte unnahbar, so als sei um sie herum ein unsichtbarer Käfig aus Glas, den nur Eingeweihte betreten dürften.

Elsa ging früh zu Bett. Es war morgens um drei. Die Mitternachtsmette hatte lange gedauert. Sie dankte dem Herrgott für das schöne Weihnachtsfest und schlief mit der Zürcher Bibel in ihren Armen friedlich ein.
Ein paar Tage später erhielt Elsa einen Brief ihrer Lehrerin aus dem Kloster.
„Sie suchen nach Dir, mein Kind. Sei wachsam.“ Elsa bekam es mit der Angst zu tun.
Sie zog ihr Sonntagskleid an und ging in die Kirche. Sie wusste, dass der Pfarrer heute die Beichte abnahm.
Nach drei Stunden verliess sie den Beichtstuhl und liess einen zutiefst erschütterten Pfarrer zurück. Als Elsa langsam vom Beichtstuhl wegging, konnte sie an seinem Gemurmel hören, wie er zu beten angefangen hatte.

Die Bäuerinnen hatten sich über die kleinen Kinderkleider sehr gefreut. Die Oberälplerin hatte gar ein Briefchen geschrieben, in dem sie Elsa für die tatkräftige Unterstützung bei der Geburt ihrer Tochter Elsy dankte. Ja, Elsy sollte das Mädchen heissen, zu Ehren der Lehrerin, die zuvor noch nie bei einer Geburt dabei gewesen war.Elsa weinte, als sie den Brief zum wiederholten Male durchlas. Sie war gerührt, aufgerüttelt. Das Babyhöschen, das sie der Bäuerin geschenkt hatte, hatte sie nicht zum ersten Mal gestrickt.

Auch die Rosenblatts feierten Weihnachten. Hannah und Isaak freuten sich sehr über ihren kleinen Sohn. Isaak vergass für einmal seine Sorgen über den Julius-Fall. Er hatte sich alle Mühe gegeben, nicht die ganze Zeit an Elsa Kessel zu denken, doch die Frau ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.Er hatte sogar angefangen, alte Fotoalben durchzublättern, obwohl ihn die Erinnerung sehr schmerzte, um irgendwie einen Anhaltspunkt zu bekommen, wo er die Frau schon mal gesehen hatte.
Während Hannah die Kerzen anzündete, erinnerte er sich an die Jahre nach dem Krieg. Er war Mitte Dreissig gewesen und hatte endlich in Zürich sein Jurisprudenzstudium vollenden können. Er erinnerte sich an einen seiner Kommilitonen, einen jungen Tunichtgut, der nichts mehr liebte als Frauen und schnelle Autos. Alexander war sein Name gewesen und Isaak dachte zurück an die Feste, die sie zusammen gefeiert hatten. Alexanders Eltern waren sogenannte Kriegsgewinnler und hatten ein Vermögen mit Schrotthandel gemacht. Ihr Sohn sollte alle Möglichkeiten haben, von denen ein junger Mann nach dem Krieg nur träumen kann. Der junge Mann war kein Genie gewesen, doch sein jungenhafter Charme und sein Reichtum waren ein Türöffner zu jedermann Herz gewesen.
Isaak erinnerte sich auch an die Freundin des jungen Mannes, ein Mädchen aus gutem Hause, brav, etwas hausbacken, unschuldig trotz der Kriegsjahre. Die beiden liebten das Leben und feierten, als wären es die letzten Tage ihres Lebens.
Er erfuhr von Alexanders Autounfall erst sehr viel später. Es hatte ihn nicht gross verwundert, als sein Kommilitone nicht mehr zu den Vorlesungen kam. Er hatte vermutet, dass sich Alexander nun ein neues Steckenpferd ausgesucht hatte, welches etwas weniger arbeitsaufwändig war. Sein Auto hatte einen Totalschaden. Alexander war wie ein Verrückter über den Klausenpass gefahren. Das Gefährt überschlug sich, als er in einer Kurve von der Strasse abgekommen war. Wie durch ein Wunder hatte er ohne eine gravierende Verletzung überlebt. Das Mädchen jedoch, Elisabeth hiess es, wie es Isaak plötzlich durchfuhr, hatte schwere Verletzungen am ganzen Körper. Von Alexander hatte er nie mehr etwas gehört und auch das Mädchen schien wie vom Erdboden verschluckt. Isaak begann zu weinen.
„Nicht das erste Mal, dass die Menschen um mich herum einfach verschwinden“, flüsterte er. Hannah sah seine Tränen, ging auf ihn zu und umarmte ihn.
„Ich bin noch da“, sagte sie mit klarer Stimme. Isaak nickte.
„Ich dachte nur gerade an einen Freund. Ich weiss nicht, wo er ist.“
„Hat das mit einem deiner Fälle zu tun?“
Isaak schüttelte den Kopf. Schliesslich blickte er seine Frau überrascht an.
„Ich glaube, ich habe mich getäuscht.“
„Weshalb? Wovon?“
„Elsa ist eine Kurzform von Elisabeth“, stammelte er.
Seine Frau lachte.
„Jetzt bist du wohl völlig verrückt geworden!“

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27. Kapitel: Weihnachten im Dorf

Das erste Weihnachtsfest, das Elsa im Dorf feierte, sollte für immer in ihrer Erinnerung haften bleiben. Sie übte mit den Kindern festliche Weihnachtslieder und Samichlausverse. Elsa versuchte, den Kleinsten die Angst vor dem Chlaus zu nehmen. Die Schüler hatten Tannzapfen gesammelt und arbeiteten gemeinsam an einer grossen Krippe, die in der Kirche aufgestellt werden sollte. Die Frauen des Dorfes nähten Kleider für die lebensgrossen Holzfiguren, während ein paar Männer aus Schindeln und Brettern eine Krippe zimmerten. Die Kinder bastelten den Schmuck für die heiligen drei Könige.
Elsa hatte im November ein paar Socken gestrickt für Robert. Allerdings war sie sich nicht mehr sicher, ob sie sie ihm diese wirklich schenken sollte. Schliesslich waren Socken kein unverfängliches Geschenk, wie sie fand. Doch dann überwand sie ihren Vorbehalt, packte sie die Socken ein und verstaute sie in ihrem Schrank, damit sie bereit während für Weihnachten.
Die Feier fand wie jedes Jahr am Abend des 24. Dezember in der kleinen Kirche des Dorfes statt. Für einmal nahm auch Robert an dem Gottesdienst teil. Leicht benebelt vom Weihrauch und den besinnlichen Liedern standen die Dörfler da und sangen. Männer und Frauen sassen brav getrennt in den Bänken, links die Frauen, rechts die Männer. Vorne neben der Kanzel stand ein mit Äpfeln und Kerzen geschmückter Christbaum. Maria und Josef, sowie die Hirten standen um die Krippe herum. Elsa musste schmunzeln, als sie bemerkte, dass wohl eines der Kinder dem Christkind einen Teddybär in die Krippe gelegt hatte. Sie blickte sich um und sah auf der anderen Seite des Kirchenflügels Robert. Ihre Blicke trafen sich kurz und Elsa spürte, wie ihr Herz einen Sprung machte. Elsa schloss die Augen und konzentrierte sich ganz darauf, nicht zu erröten.
Nach dem Gottesdienst reichten sich alle die Hände. Vor der Kirchentüre trafen sich die Dörfler, um einander schöne Weihnachten zu wünschen. Der Gemeindepräsident und seine Frau umarmten Elsa und luden sie für den nächsten Morgen zu sich ein. Sogar die alte Frieda war gekommen, verschwand aber sofort nach dem Gottesdienst in der Dunkelheit.
Robert war plötzlich neben Elsa aufgetaucht und bot ihr seinen Arm an.
„Lassen Sie uns noch ein wenig im Schnee wandern“, sagte er.
Sie willigte ein.
„Weihnachten ist ein schönes Fest“, begann er.
Elsa nickte.
„Ich wollte Ihnen nur sagen, wie leid es mir tut, weil ich Ihnen damals nicht geholfen habe.
Sie blickte ihn erst ernst, schliesslich überrascht an.
„Ich dachte, Sie geben mir die Schuld am Unglück Ihres Bruders.“
Er schüttelte den Kopf.
„Mein Bruder ist ein bemitleidenswerter Mensch. Er hat gewiss sein Leben lang versucht, Gutes zu tun. Doch in Ihrem Fall ist ihm dies nicht gelungen. Er hat Ihnen weh getan. Er hat versucht, Sie zu erniedrigen. Das halte ich für sehr verdammenswert.“
Elsa wusste darauf nichts zu sagen. Sie war gewissermassen sprachlos.
„Sie vergeben mir, dass ich ihn von mir weg gestossen habe?“
Er schüttelte den Kopf.
„Sie haben versucht, Ihr Leben zu retten. Dafür muss ich Ihnen nicht vergeben.“
Elsa blickte Robert an und für einen Moment war sie versucht, ihren Kopf an seine Brust zu legen und hemmungslos zu weinen. Die Erinnerung tat ihr weh. Mit einem Mal fühlte sie einen unglaublichen Schmerz. Stattdessen schluckte sie ihre Tränen runter und lächelte tapfer.

26. Kapitel: Ein gemeinsamer Abend

Elsa strickte an jenen Abenden, die sie mit Robert in der Bibliothek verbrachte, an ihrer Handarbeit weiter. Sie mochte es, seinen regelmässigen Atemzügen zuzuhören, während ihre Stricknadeln munter ihren eigenen Rhythmus klapperten. Sie strickte Kinderkleider in vielen Farben.

Robert bemerkte dies und fragte sich seit längerem immer wieder, warum Elsa keine Kinder hatte. Die Frage war eigentlich einfach zu beantworten, dachte er bei sich selbst. Sie ist nicht verheiratet. Doch trotz allem konnte er sich nicht vorstellen, dass allein ihr lahmes Bein sie am Heiraten hinderte. Es musste noch mehr dahinter stecken und er war entschlossen, es herauszufinden.
Er gab sich Mühe, sie nicht zu oft anzusehen. Seltsamerweise spürte, wie ihre blosse Anwesenheit ihn zusehends zufriedener machte.
Elsa sah blass aus. Sie konzentrierte sich auf ihre Strickarbeit und schaute nur selten um sich. Katharina die Grosse hat zu ihren Füssen Platz genommen und schnurrte angenehm erfreut, wenn Elsa sie von Zeit zu Zeit liebkoste.
„Für wen stricken Sie diese Kinderkleider?“, wollte Robert wissen.
„Ich werde sie zu Weihnachten an alle Mütter verschenken. Einige Leute im Dorf haben nicht sehr viel Geld, und es macht mir Freude, ihnen etwas zu schenken.“
„Haben Sie gewusst, dass uns die meisten Leute des Dorfes verdächtigen, eine Affäre zu haben?“, fragte er in einem Moment der unverfrorenen Direktheit.
Elsa blickte ihn ungläubig an und zutiefst verlegen an.
„Machen Sie Scherze?“
Er schüttelte ernst den Kopf.
„Wie kommen die denn darauf?“
„Wir verbringen viel Zeit zusammen.“
„Ich weiss doch, was ich weiss. Warum gibt es bloss Menschen, die so böse Gerüchte streuen müssen?“
„Klatsch ist menschlich. Das sollten Sie doch wissen.“
Elsa blickte ihn traurig an.
„Das weiss ich wohl.“
Sie verabschiedete sich eilig und begab sich in ihr Zimmer. Einmal mehr konnte Robert ihr Schluchzen hören. Da tat es ihm leid, dass er mit ihr darüber gesprochen hatte.

25.Kapitel. Zwei Brüder

Die Wochen vergingen weiter wie im Flug. Weihnachten stand vor der Tür, und Robert erhielt einen folgenschweren Brief. Der Direktor des Kantonsspitals in St. Gallen teilte ihm mit, seinen Bruder in die Kantonale Psychiatrische Klinik in Wil hatte verlegen müssen. Der Kranke habe immer mehr Anzeichen des völligen Irrsinns gezeigt. Man sah sich ausserstande, ihn noch weiter zu pflegen. Des weiteren kündigte der Direktor einen Brief des behandelnden Arztes der Psychiatrischen Klinik an, welcher ebenfalls tiefergehend auf den psychischen Gesundheitsstand des Julius Forster eingehen würde.
Robert seufzte.
Es hatte ja so kommen müssen. Er dachte daran, wie ihn sein Bruder während seines Studiums besucht hatte. Es war nach dem ersten Weltkrieg. Er hatte immer nur Frauen im Kopf gehabt. Dicke, dünne, hässliche und schöne Weiber. Sein Bruder erschien ihm wie ausgewechselt. Er erinnerte sich an eine jener verhängnisvollen Frauen von damals. Eine war eine Fahrende gewesen. Ein schönes Weib war sie wohl gewesen, als sie noch jung war. Doch das war lange her.
Robert hatte in diesem Zusammenhang zum ersten Mal von der Krankheit „Syphilis“ gehört. Er erinnerte sich an ihr Gesicht, das von kleinen seltsamen Geschwüren bedeckt war. Während des Studiums hatte er sich für die menschlichen Krankheiten interessiert. Es beschäftigten ihn die Folgen der Tuberkulose, der Kinderlähmung, das Kindsbettfieber, Symptome der Lepra und der Spanischen Grippe. Er hatte die Menschen immer nur als Summe von Symptomen angesehen. Als er jedoch auf die Zigeunerin traf, wurde ihm bewusst, was die Krankheit am Menschen anrichten kann.
Während des Krieges hatte Julius an der Landesgrenze gewacht, während er Robert im Sanitätsdienst arbeitete. Sie hatten sich Briefe geschrieben, doch nach dem Krieg hatte Robert bemerkt, wie fremd ihm sein Bruder geworden war. Er dachte an die Worte des Vaters, der seinen jüngeren Sohn nie so sehr lieben konnte wie seinen Älteren und daran, wie sehr dies Julius verletzen musste. Sein Bruder war immer der verträumtere Junge gewesen. Ein Künstler, keiner, der in eine Bündner Bauernfamilie passt. Er war den Älteren unheimlich gewesen.
„Das Leben hat Julius zerstört“, flüsterte er, während er den Brief las.
Er beschloss, so bald wie möglich seinen Bruder zu besuchen.

24. Kapitel: Annäherung

Als Elsa erschöpft ins Bett fiel, merkte sie, wie gut es ihr ging. Sie hatte trotz der Strapazen nur wenig Schmerzen in ihrem Bein gehabt. Vielleicht gibt es ja doch ein Verheilen alter Wunden, dachte sie überrascht.

Die Nachricht, dass Elsa Kessel dem Doktor bei der schweren Geburt geholfen hatte, verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf. Alle wussten Bescheid. Die Gerüchteküche brodelte von neuem, was nicht besonders verwunderlich war.
Hatte man beim Unfall des Julius Forster noch Notwehr vermutet, so hielten nun alle den Doktor und die Lehrerin für ein Liebespaar. Niemand mochte das Kind jedoch beim Namen nennen, und so schwiegen die Leute im Dorf. Doch ihre Augen folgten den beiden unaufhaltsam.
Einzig der Pfarrer, dem diese Geschichte zu Ohren gekommen war, fragte sich, ob es nicht in seiner Verantwortung läge, die junge Lehrerin zu anständigem Verhalten anzuhalten. Er beschloss, die Sache bei seiner Sonntagspredigt anzusprechen.

Robert hatte schon seit einiger Zeit bemerkt, dass er Elsa nicht mehr mit denselben Augen anschaute wie noch vor Wochen. Nachdem er mit ihr beim Oberalpbauern gewesen war, spürte er, wie viel mehr ihn mit ihr verband als nur eine Schicksals- oder Wohngemeinschaft. Sie faszinierte ihn. Beinahe hätte er Elsa nach der Geburt sie auch geküsst, als sie so glücklich nebeneinander auf dem Felsen in dem Mondlicht gesessen hatten. Knapp hatte er sich noch zurückhalten können. Denn er wusste, es war falsch. Ausserdem würde eine Liebesbeziehung zu ihr den Fall seines Bruders unweigerlich in einem anderen Licht erscheinen lassen. Das wollte er nicht. Er hatte zudem bemerkt, wie unglaublich in sich zurückgezogen Elsa war. Sie schien nicht viel von menschlicher Nähe zu halten. Zwar kochte sie inzwischen für ihn und unterhielt sich auch beim morgendlichen Kaffee mit ihm. Jedoch die meiste Zeit hielt sie sich in der Schule oder in ihrem Schlafzimmer auf. Er konnte sich nicht vorstellen, warum eine derart tiefgläubige Frau einfach nur Lehrerin und nicht Nonne wurde.
Robert lud sie an jenem Tag ein, mit ihm den Abend in seiner Bibliothek zu verbringen. Er bot ihr an, Bücher für die Schule zu verwenden. Elsa freute sich sehr über dieses Angebot und begann, Buch für Buch durchzublättern.
Er setzte sich in seinen alten Ohrensessel, zündete sich eine Zigarre an und begann zu lesen. Von Zeit zu Zeit beobachtete er sie verstohlen, wie sie tief in Gedanken versunken in seinen Büchern blätterte.
Einige Zeit später, er war eingeschlafen, spürte er, wie sie sich über ihn beugte. Er glaubte schon, sie wäre gekommen, um ihn zu küssen, doch sie löschte lediglich die Zigarre aus, damit er sich nicht verletzte. Das rührte ihn sehr.

23.Kapitel: ein Sturm und das Tauwetter

Elsa versuchte sich ein wenig zu abzulenken, indem sie abends Socken strickte. Sie war eigentlich zufrieden, denn ihre Schüler bereiteten ihr grosse Freude. Einzig der Gedanke an die bevorstehende Anklage liess sie nachts nicht mehr schlafen. Sie fühlte unendliche Dankbarkeit. weil Miriam Gröblin sich so für sie eingesetzt hatte, Sie konnte sogar darüber hinwegsehen, dass sie sich nun duzten.
Doktor Forster war ebenfalls sehr freundlich zu ihr. Sie dachte daran, wie schön das Leben eigentlich sein konnte. Der Doktor hatte sich sogar an Katharina die Grosse gewöhnt und das, obwohl er behauptete, er möge keine Katzen. Katharina hatte allerdings nicht lange gebraucht, bis sie den Arzt um ihre Samtpfoten gewickelt hatte. Dieser genoss nun die angenehme Anwesenheit der braunen Katze, die ihrerseits den Menschen an ihrer Seite gewähren liess.
Der Winter meldete sich an. Die Windböen wurden immer stärker.

Sie hatte sich gerade schlafen gelegt und betete zum Herrgott. Als sie über Katharinas Köpfchen streichelte, fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein. Wie schon in den vergangenen Wochen wurde sie von vielerlei Albträumen geplagt. Einmal sah sie sich gehetzt von rotgesichtigen Teufeln, die Messer in den klauenartigen Händen hielten. Sie sah sich dastehen, während Julius die Treppe hinunter fiel. Und immer wieder ertrank sie im schwarzen See, der im Buchenwald lag. Sie quälte sich und murmelte, als es plötzlich an der Türe klopfte und Robert von draussen rief:
„Kann ich reinkommen? Sind Sie noch wach, Fräulein Kessel?“
Sie schrie auf.
„Mein Gott, ich wollte Sie nicht erschrecken, Fräulein Kessel. Ich brauche Ihre Hilfe.“
Sie rieb sich die Augen und blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
„Die Frau des Oberalpbauern kriegt ihr elftes Kind. Die Hebamme kann leider nicht kommen, weil sie bereits bei einer anderen Frau hilft. Ich brauche an meiner Seite eine Frau.“
Elsa wusste nicht, ob sie Forster ernst nehmen konnte.
„Was wollen Sie ausgerechnet von mir? Ich bin keine Hebamme.“
„Natürlich nicht. Aber Sie kennen die Kinder des Bauern und Sie sind ein bedachter Mensch. Also, ziehen Sie sich an und kommen Sie mit.“
Elsa warf sich einige warme Kleider über und hastete nach draussen. Der Doktor hatte bereits seine Arzttasche ins Auto gestellt. Wie ein Verrückter fuhr er los. Der Wind peitschte an den Wagen. Elsa wurde schnell übel. Wie durch ein Wunder musste sie sich nicht übergeben, wofür sie sehr dankbar war. Diese Blamage hätte sie nicht ertragen. Sie fuhren immer weiter hoch und Elsa bemerkte, was für einen weiten Weg die Oberalpkinder haben mussten. Das letzte Stück legten Robert und Elsa zu Fuss zurück, da es keinen befestigten Weg für das Auto gab. Der Ausblick über das ganze Tal trotz der nächtlichen Dunkelheit war atemberaubend. Erst jetzt bemerkte Elsa, dass der Vollmond über ihnen leuchtete und alles erhellte. Elsa wünschte sich in jenem Moment sehr, ihr Bein wäre heil. Sie könnte hinaufklettern und wäre wieder die junge Frau, die sie einmal gewesen war.
In der Stube der Familie brannte Licht. Der Bauer und der Grossvater sassen Stumpen rauchend vor einer Tasse Kaffee, während die Kinder am Boden spielten oder schliefen. Aus dem Schlafzimmer des Bauern hörten sie Schreie. Die Bäuerin schien unerträgliche Schmerzen zu erleiden.
„Es ist bald soweit“, sagte Robert.
Die Grossmutter hatte bereits Wasser gekocht. Robert redete der Frau gut zu. Die Wehen der Bäuerin waren stark. Ihr ganzer Körper erzitterte in Wellen.
Robert hiess Elsa hinter die Bäuerin zu sitzen, damit sie sich an Elsas Beinen festhalten konnte. Elsa tat wie ihr geheissen. Sie gab der Frau von hinten Halt und strich ihr immer wieder beruhigend und tröstend über den Kopf. Sie wunderte sich, dass sie es aushielt. Sie empfand nicht einmal Schmerzen in ihrem Bein.
Eine Stunde und viele weitere Wehen später war es soweit. Robert hatte sie von einem kleinen schreienden Mädchen entbunden. Elsa spürte, dass sie Teil eines bewegenden Moments war. Robert wusch es und reichte es der Mutter. Die Bäuerin strahlte über ihr ganzes, verschwitztes Gesicht.
Der Bauer war ebenfalls froh, dass seine Frau und seine Tochter, die noch keinen Namen hatte, alles gut überstanden hatten. Überschwänglich dankte er dem Arzt und Elsa.
Sie tranken noch zwei Kafi Kirsch mit den Grosseltern und dem Bauern und machten sich auf den Weg nach unten.
„Ich glaube, ich bin etwas betrunken“, rief Elsa. Sie war das Trinken nicht gewöhnt.
Robert reichte ihr seine Hand und gab ihr so ein wenig Stütze.
„Es ist auch an mir nicht spurlos vorüber gegangen. Setzen wir uns doch hin.“
Sie nahmen Platz auf einem kleinen Felsen und blickten ins Tal.
„Als ich noch ein junger Arzt war, bin ich jeweils nach einer geglückten Geburt in den Blausee gesprungen. Nachts, beim Mondlicht und splitterfasernackt. Das war ein wunderbares Gefühl.“
„Auch im Herbst?“, fragte sie verwundert.
Er nickte lausbübisch.
Elsa blickte ihn an und glaubte zum ersten Mal seit langem Glück in seinen Augen zu sehen. Die Geburt des kleinen Mädchens hatte ihm gut getan. Seine müden Gesichtszüge hatten sich verjüngt.
„Sie lieben Ihren Beruf über alles. Nicht wahr?“
Robert nickte erneut.
„Kommen Sie mit? Fahren wir an den Blausee und springen wir hinein?“
Elsa winkte entsetzt ab.
„Nein. Ich werde nicht in dieser Kälte in einen See springen. Und ich werde mich auch nicht ausziehen.“
Robert blickte sie grinsend an.
„Das war nur ein Spass.“
Überdeutlich konnte sie im Schein des Mondlichts den Schalk in seinen Augen aufblitzen sehen.
„Ich will mir hier auch nicht den Tod holen. Kommen Sie. Fahren wir nach Hause.“
Als sie im Auto sassen, blickte Elsa Robert an. Sie mochte sein ernstes Gesicht, seine kleinen dunklen Augen. Sie konnte sich in jenem Moment lebhaft vorstellen, wie er als junger hoffnungsvoller Arzt ausgesehen hatte. Sie bereute es, dass sie ihn damals noch nicht gekannt hatte. Vielleicht wäre alles anders geworden, dachte sie für einen kurzen Moment. Sie waren beide verschwitzt von den Anstrengungen der Geburtshilfe und unwahrscheinlich glücklich, fuhr ihr durch den Kopf.

22. Kapitel: Isaak Rosenblatt blickt durch

Miriam Gröblin hiess den Ehemann ihrer Freundin seinen Mantel auszuziehen. Sie setzten sich alle in die Stube und Miriam begann:
„Liebe Elsa, wir haben uns überlegt, wie wir Ihnen in dieser Angelegenheit helfen können und deshalb haben wir beschlossen, einen Anwalt zu Hilfe zu holen. Das ist Isaak Rosenbaum aus Basel.“
Elsa blickte ihn überrascht und etwas ängstlich an. Isaak bemerkte ihren Blick.
„Bitte, Fräulein Kessel. Machen Sie sich um mein Honorar keine Sorgen.“
Gröblin, der inzwischen ebenfalls Platz genommen hatte, hob beschwichtigend seine Hände.
„Fräulein Kessel, wir sind es Ihnen doch schuldig, dass wir Ihnen helfen.“
Rosenbaum blickte Elsa erneut an.
„Von irgendwo her kennen wir uns doch. Bitte helfen Sie mir auf die Sprünge. Sie wissen schon, mein Gedächtnis.“
Elsa verneinte.
„Ich kenne Sie nicht, Herr Rosenbaum. Sie müssen sich irren.“
Isaak irrte sich nie. Er versuchte, sich zu erinnern, doch es gelang ihm nicht.
Miriam schilderte ihm den Fall, während Elsa teilnahmslos daneben sass. Die Sache missfiel ihm zusehends. Er beschloss, wenn er wieder in Basel wäre, herauszufinden, wer Elsa wirklich war und was sie ihm und den anderen hier verheimlichte.
Er entschied sich aber schliesslich dazu, den beiden Frauen seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Er hörte sich die Geschichte an. Die Sache schien klar zu sein. Julius Forster hatte versucht, Elsa Kessel zu vergewaltigen und diese hatte sich gewehrt. Trotzdem hatte die Geschichte einen bitteren Beigeschmack.
„Woher stammen Sie ursprünglich, wenn ich fragen darf, Fräulein Kessel?“
„Ich komme aus Zürich.“
„Wohnen Ihre Eltern noch immer dort?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Meine Eltern sind während des letzten Kriegswinters leider verstorben.“
„Das tut mir leid. Wo haben Sie Ihre Ausbildung gemacht?“
„Bei den Ursulinenschwestern zu Hohenegg, nach dem Krieg.“
Die Hoheneggschwestern waren ihm ein Begriff. Sie bildeten junge, arme Frauen zu Lehrerinnen und Missionarinnen aus und entsandten sie später in die ganze Welt. Die meisten dieser Lehrerinnen waren dürre, hässliche Frauen. Elsa war die erste, die für seinen Geschmack so gar nicht in dieses Bild passte.
„Ist das hier Ihre erste Stelle?“
Elsa nickte.
„Was werden Sie tun, falls man Sie einsperrt?“
Sie blickte ihn erschreckt an.
„Man darf mich nicht einsperren.“
Isaak nickte freundlich.
„Mir ist die Geschichte zu Ohren gekommen, dass Sie mit dem Bruder des Verunfallten unter einem Dache wohnen. Das könnte ein schlechtes Licht auf Sie werfen. Was werden die Leute sagen?“
Elsa wurde langsam wütend.
„Man wird sagen, wie es ist. Der Bruder hat dem Opfer geholfen. Sehen Sie mich an. Halten Sie mich für eine Mörderin? Nein? Ich bin eine verkrüppelte Frau, die von einem Verrückten fast ums Leben gebracht worden ist. Das ist die Wahrheit und nichts anderes. Vielleicht wäre es angebrachter, herauszufinden, was Julius Forster in seinen Wahnsinn hineingetrieben hat. Davon spricht hier nämlich niemand.“
Isaak musste ihr widerwillig recht geben, denn er bemerkte, wie Miriam und ihr Ehemann auf die Seite blickten und nichts dazu sagen mochten.
„Wie gesagt, Fräulein Kessel. Ich werde mich der Sache annehmen. Ich kann Ihnen allerdings nichts versprechen. Ich weiss nicht, ob sich die Geschichte zum Guten wenden wird. Das hängt alleine von Ihrem Verhalten und dem guten Willen des Richter ab.“

Nach gut anderthalb Stunden verliess Elsa das Haus der Gröblins wieder. Es ging ihr nicht besonders gut, und sie regte sich über den Anwalt auf. Allerdings mochte sie nicht darüber sprechen. Es schien ihr in jenem Moment, als würde der Ausspruch „Keiner entkommt seinem wahren Schicksal“ wahr werden. Sie konnte nicht mehr fliehen. Weder vor sich selbst, noch vor ihrer Vergangenheit. Die Tatsache, dass diese Vergangenheit ausgerechnet in der Person von Isaak auf den Platz trat, erschien ihr wie ein schlechter Witz.

Währenddessen tauschten sich Miriam und Isaak über vergangene Zeiten aus. Miriam wollte genau wissen, wie es dem kleinen Stammhalter ging und wie er aussah. Isaak holte eine etwas vergilbte kleine Fotographie hervor.
„Das ist er“, sagte er stolz.
„Ein schöner kleiner Junge. Schade, dass das Ihre Eltern nicht mehr miterleben durften.“ Isaak stiegen die Tränen ins Gesicht.
Miriam versuchte, sich zu entschuldigen. Das hatte sie nicht gewollt. Sie hatte von ihrer Freundin natürlich erfahren, wie Isaaks Eltern im Konzentrationslager Bergen-Belsen umgekommen waren. Doch darüber sprach niemand hier.
Isaak drückte ihre Hand und blickte sie ernst an.
„Es ist, als wären sie alle nie da gewesen. Als hätten sie alle nie gelebt.“
Nun weinte auch Miriam.
Ihre Eltern waren zwar nicht Juden gewesen, sondern Christen, doch Miriam konnte sich noch genau an die Reaktion ihres Vaters erinnern, als man von den Flüchtlingen an der Grenze sprach. Er erzählte ihr davon, wie ihre eigene Familie Ende des letzten Jahrhunderts nach Amerika auswandern wollte. Sie hatten Hunger gelitten. Arbeit gab es hier ohnehin zuwenig und in die Fabrik wollten die stolzen Bündner nicht.
Einige waren gegangen, ihre Familie war geblieben. Aus Liebe zur Scholle, wie der Vater zu sagen pflegte. Ihr Vater hatte ab und zu Knechte eingestellt, von denen sie erahnte, dass sie geflohen waren. Er hatte nie eine grosse Sache daraus gemacht und schon gar nicht darüber geredet.
„Was geschieht jetzt mit Elsa?“
Isaak blickte Miriam ernst an.
„Ich weiss es nicht genau. Ich werde mein bestes tun. Aber versprechen kann ich euch nichts. Es wäre besser, Ihr alle würdet endlich reden.“

21. Kapitel: Frau Gemeindepräsident weiss Rat.

Gemeindepräsident Gröblin sah unzufrieden aus.
„Da hilft alles nichts. Wir brauchen einen Anwalt, Robert.“
Robert nickte.
„Wie bezahlen wir den?“
Gröblin rief seiner Frau und schilderte ihr kurz sein Problem.
„Hast du eine Idee, du weißt doch sonst immer einen Ausweg.“
Frau Gröblin überlegte nur kurz. Schliesslich sprang sie auf und holte ihr altes Adressbuch.
„Meine Schulkollegin Hannah hat einen Anwalt geheiratet. Ich könnte sie doch mal fragen, was wir da machen können.“
Herr Gröblin blickte Robert strahlend an.
„Meine Frau findet selbst für ausweglose Geschichten eine Lösung.“
Robert nickte zustimmend.

Einige Tage später machte sich Hannahs Ehemann Isaak Rosenblatt auf den Weg ins Dorf. Seine Frau hatte ihm den Weg genau beschrieben. Isaak fuhr einen alten Opel, der den Anschein machte, als würde er jeden Moment den Geist aufgeben. Hannah hatte ihm erzählt, wie sie Frau Gröblin in der Haushaltsschule für höhere Töchter in Basel kennengelernt hatte. Miriam Gröblin, damals noch unter dem Namen Oberzetter bekannt, war von ihren Eltern, Grossbauern aus dem Bündnerland nach Basel geschickt worden, damit sie den Beruf der Haus- und Ehefrau lernte. Die Eltern hatten davon geträumt, dass ihre Tochter sich mit einem der jungen Fabrikantensöhne aus dem Tal verheiraten würde, doch diesen Gefallen hatte Miriam ihnen nicht gemacht. Stattdessen stellte sie ihnen eines Tages den aufstrebenden Bauersohn Gröblin vor, den sie auf dem Tanz kennengelernt hatte.

Isaak und Hannah waren lange kinderlos geblieben, was Isaak auf eine Mumpserkrankung während seines Aktivdienstes geschoben hatte. Doch vor ein paar Jahren, er war vierzig Jahren alt geworden, hatte ihm Hannah den langersehnten Stammhalter David geboren. Isaak war ein hervorragender Anwalt, doch der Weltkrieg und die damit verbundene Judenfeindlichkeit hatten seiner Karriere geschadet. Er hatte sich darauf spezialisiert, ausweglose Fälle und Scheidungen zu bearbeiten.
Der Fall mit der jungen, gehbehinderten Lehrerin hatte ihn von Anfang an fasziniert. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie es in einem kleinen Dorf wie Plürsch zuging. Es verwunderte ihn aber doch, wie die Leute mit der jungen Frau sympathisierten, denn dies war ungewöhnlich.

Die Leute im Dorf hatten natürlich davon gehört, dass der Gemeindepräsident einen Anwalt aus der Stadt hatte kommen lassen. Sie waren allerdings überrascht, als sie sein Automobil erblickten, denn es erschien ihnen doch etwas altertümlich. Zwar besass ausser dem Arzt niemand ein Auto, doch der alte Opel war eine Sensation. Der Anwalt war ein dunkelhaariger, feingliedriger mittelgrosser Mann, dessen Schläfen bereits ergrauten.
Die Frau Gemeindepräsident begrüsste ihn und hiess ihn im Namen des ganzen Dorfes willkommen. Sie entschuldigte sich, dass ihr Mann ihn nicht begrüssen konnte, da dieser gerade verhindert sei. Später stellte sich heraus, eine von Gröblins Kühen gerade kalbte. Das ging natürlich vor. Alle verstanden das.
Die Lehrerin wirkte, wie meistens in den letzten Wochen blass, als sie dem Anwalt vorgestellt wurde. Miriam Gröblin liess die beiden in ihr Haus eintreten und schloss hinter sich die Tür ab . Die Kinder mussten für einmal draussen bleiben.
Miriam hatte ihrer Freundin die junge Lehrerin in schönen, treffenden Worten beschrieben.
Deshalb war Isaak auch gar nicht überrascht, als er die junge Frau aus der Nähe sah.
Elsas Haut schimmerte weiss und ihr dunkelblondes Haar fiel in leichten Wellen. Sie war eine zarte Person. Er bemerkte ihren Gehstock und sein Blick fiel auf ihr rechtes Bein.
Unfall oder Kinderlähmung- schoss es ihm durch den Kopf. Er gab ihr die Hand und stellte sich vor. Irgendwie kam ihm die junge Frau bekannt vor, doch er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wo er ihr schönes Gesicht das letzte Mal gesehen hatte. Ihre Stimme war sanft. und er konnte sich gut vorstellen, wie die Kinder fasziniert an ihren Lippen hingen.

20. Kapitel: endlich wieder arbeiten

Der Alltag hatte Elsa schnell wieder. Sie unterrichtete ihre Schüler, als wäre die Geschichte mit Julius nie passiert. Die Kinder mochten ihre junge, gehbehinderte Lehrerin sehr, denn sie war gerecht. Julius Forster hatte manchmal die schwächeren unter ihnen geplagt, doch Elsa tat das nicht. Die Kinder fühlten sich sicher und angenommen. Natürlich hatten auch die Halbwüchsigen die Gerüchte über die Lehrerin von den Eltern gehört. Doch im Dorf herrschte die Meinung, dass Elsa eine gute Lehrerin war. Die Kinder wagten ihre Eltern nicht zu fragen, was mit Julius passiert war. Darüber sprach niemand.

Zwei Wochen später war es soweit. Niemand konnte dem Thema noch ausweichen. Ein Kantonspolizist aus Chur und einer aus St. Gallen hatten den beschwerlichen Weg auf sich genommen, um den geheimnisvollen Unfall des Julius Forster aufzuklären. Der Churer war schon etwas in die Jahre gekommen, wirkte trotz seiner eisengrauen Haare sehr viril. Er hatte schon manchen Toten gesehen. Er war abgehärtet, denn mit seinen Kollegen pflegte er jeweils im Frühling die sterblichen Überreste der Selbstmörder aus dem Rhein zu fischen. Der St. Galler, ein junger, zart gebauter Mann mit herzhaftem Dialekt und bleichem Gesicht unter dem roten Haar, war noch etwas grün hinter den Ohren. Der Churer hatte sich schon gefragt, wer auf die blöde Idee gekommen war, ihm einen so unbedarften Polizisten ins wilde Bündnerland mitzuschicken.
Sie wollten die Lehrerin im Schulzimmer aufsuchen, wurden aber von den Leuten auf dem Dorfplatz zum Haus des Landarztes verwiesen, der gleichen Namen trug wie der Verunfallte.
Robert machte den beiden Herren einen starken Kafi Schnaps und liess sie sich setzen.
Elsa, die währenddessen den Unterricht beendet hatte, trat ebenfalls ein und setzte sich schüchtern hin.
„Wir möchten gerne von dem Fräulein Kessel hören, was genau passiert ist in jener Nacht, als der Herr Julius Forster die Treppe hinunter gestürzt ist“, begann der Churer mit seiner Einvernahme. Elsa erklärte ihnen in kurzen Worten, wie Julius sie bedroht hatte.
„Er hat mir das Messer an die Kehle gehalten und ich musste mich ausziehen. Ich habe mich gewehrt und ihn ins Gesicht geschlagen. Ich habe versucht zu flüchten. Im Gang draussen hat er sich wieder auf mich gestürzt und ich habe ihn schliesslich von mir weg gestossen. Er ist hinterrücks die Treppe hinunter gefallen.“
Der St. Galler notierte sich jedes Wort auf einen kleinen Block. Der Churer blickte Elsa lange an.
„Warum sollte sich der Herr Forster auf Sie stürzen?“
Elsa zuckte die Schultern.
„War er etwa eifersüchtig?“
Elsa blickte ihn fragend an.
„Seit wann leben Sie mit dem Bruder des Verunfallten unter einem Dach?“
„Ich habe Fräulein Kessel angeboten, in der Wohnung meiner Haushälterin zu wohnen. Es ist dieser jungen Frau nicht zuzumuten, in jene Wohnung zurückzukehren, wo mein Bruder sie so brutal überfallen hat“, fügte Robert bei.
„Haben Sie ein Gschleik?“
Elsa wurde puterrot und Robert schüttelte energisch den Kopf.
„Wissen Sie, warum wir das fragen müssen?“
Elsa schüttelte den Kopf.
„Der Herr Forster liegt seit ein paar Wochen auf der Intensivstation des Kantonsspitals in St. Gallen. Keiner von Ihnen beiden hat ihn bisher besucht. Herr Forster kann zwar wieder sprechen, doch er behauptet, er könne sich an nichts mehr erinnern. Das ist doch eine recht komische Angelegenheit, nicht wahr?“
Der Churer wurde langsam ungeduldig. Er hegte den Verdacht, dass der Arzt und die Lehrerin versucht hatten, den Julius Forster gemeinsam umzubringen. Er konnte sich keinen anderen Grund vorstellen, warum der Lehrer auf die junge Frau losgegangen war.

Der junge St. Galler hingegen glaubte der Lehrerin. Er nahm ihr ab, dass sie in Todesangst gehandelt hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, aus welchem Grund sonst sie den Forster die Treppe hinunter gestossen haben könnte.
„Muss ich jetzt ins Gefängnis?“, fragte Elsa. Sie war den Tränen nahe.
Der Churer blickte sie streng an.
„Es läuft eine Untersuchung. Wir werden herausfinden, ob Sie wirklich in Notwehr gehandelt haben, oder ob es ein versuchter Totschlag oder gar versuchter Mord war. Sie werden wieder von uns hören.“
Robert geleitete die Herren zur Tür.
„Eines müssen Sie noch wissen. Mein Bruder war ein kranker Mann. Seine Seele ist krank und keiner, nicht einmal ich, wollte das wahrhaben. Ich hätte dieses Unglück verhindern können, wenn ich den Mut gehabt hätte, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Aber das habe ich nicht getan. Und jetzt soll Fräulein Kessel für mein für unser aller Verschulden büssen? Das darf nicht passieren. Ich werde alles tun, um ihr in dieser Sache zu helfen!“
Die beiden Polizisten schauten ihn mitleidig an und verabschiedeten sich schliesslich.
Der Churer sah aus, als ob er noch eine letzte Bemerkung machen wollte, doch er schwieg.
Elsa sass noch immer wie versteinert in der Stube.
„Ich werde ins Gefängnis gehen müssen.“
Robert schüttelte den Kopf und strich ihr über die Hand, worauf sie aufzuckte.
„Wir werden alles tun, damit das nicht passiert, Fräulein Kessel.“

19. Kapitel: Robert

Robert kam spätabends nach Hause. Er sah müde aus. Der Arzt staunte nicht schlecht, als er den Kräutergeruch wahrnahm. Jemand hatte gekocht. Elsa!
„Ich bin bei den Gröblins eingeladen“, sagte er. Elsa stand in der Küche, trug eine Schürze und schwang die Pfanne mit den gerührten Eiern.
„Möchten Sie versuchen?“
Erst wollte er abwinken, doch er konnte dem köstlichen Geruch nicht widerstehen.
Er stach mit einer Gabel ein Stück ab.
Es schmeckte wunderbar. Er erinnerte sich.
Seine Mutter konnte wunderbar kochen. Sie liebte Kräuter und suchte sie auf allen Wiesen. In den Braten, die sie zubereitet hatte, steckte die ganze Kraft der Alpweiden. Elsas Rührei schien genau jene, längst verloren geglaubte Kraft in sich zu bergen.
Er konnte nicht anders, als sich hinzusetzen und davon zu essen.

Sie hatten den Abend gemeinsam am Küchentisch verbracht und viel geredet. Er erzählte ihr von seiner friedlichen Kindheit hier im Dorf, von seiner Mutter und der Natur.
„Ich habe zwar in Zürich studiert, aber ich musste einfach hierher zurückkehren. Ich wäre ansonsten eingegangen. Die Stadt war schön, fremd. Doch es ist wichtig, eine Heimat zu haben. Die Wurzeln sind es, die einem Kraft geben.“
Sie mochte es, ihm zuzuhören. Seine Stimme war weich und sanft. Sie spürte die Liebe zu seiner Heimat, so als wäre sie eine schöne Frau.
„Einige Freunde meines Vaters haben zusammengelegt, damit ich studieren konnte. Es ist eine seltsam anrührende Geschichte. Möchten Sie sie hören?“
Elsa nickte und nahm einen Schluck Tee.
„Es geschah in jenem schlimmen Winter während der Jahrhundertwende. Ein reicher Bauer, ich glaube, sein Name war Hiob, hatte eine junge Frau, die hochschwanger war und ihr erstes Kind gebären sollte. Er freute sich sehr. Er war stolz, denn seine Frau war die Schönste des ganzen Tales. Sie hatte noch lange im Haushalt gearbeitet, bis ihr Bauch schliesslich zu gross geworden war. Alle freuten sich auf die Niederkunft. Doch dann passierte etwas Schreckliches. Das Kind lag verkehrt in ihrem Bauch. Die Mutter schrie stundenlang. Der Bauer schickte einen Knecht, damit er den Arzt holte. Doch dieser konnte aus Chur nicht ins Tal gelangen, weil zuviel Schnee lag. Die Frau überlebte nur knapp, doch das Kind starb. Der Bauer jedoch wurde fast wahnsinnig vor Trauer und Wut. Er jagte seine Frau davon. Alle seine Freunde trauerten mit ihm, versuchten ihn umzustimmen, damit er seine Frau zurückholte. Doch er hatte kein Einsehen. Er blieb stur. Ein paar Jahre später lag er im Sterben. Der Bauer hatte nicht mehr geheiratet und hatte dadurch auch keinen Erben. Er wies seine Freunde an, dass sein ganzes Geld jenem zukommen sollte, der als Arzt hier oben arbeitet. Ich wollte Arzt werden und ich erhielt das Stipendium. Ich muss seinen letzten Wunsch befolgen, der besagt, dass die Behandlung durch den Arzt so günstig als möglich abzuwickeln sei. Ich erhalte eine Art Rente und ich muss jeden in diesem Tal behandeln. Das tue ich auch.“
Elsa war inzwischen todmüde, doch sie hörte ihm gebannt zu. Seine Geschichte machte sie traurig und sie dachte mit Bedauern an den Bauern und seine Frau.
„Jetzt sind Sie sicher müde, Elsa. Gehen Sie schlafen. Morgen werden Sie wieder unterrichten.“