1. Kapitel: Eine Bahnfahrt in die Zukunft

Ich bin, was ich immer war. Alleine.
Es ist eigentlich gar nicht so schlimm. Ich erinnere mich an nichts anderes, als an dieses Gefühl in mir drin. Es tut weh. Ein wenig, jedenfalls. Ich existiere, aber ich lebe nicht. In mir drin bin ich tot.

Elsa Kessel sass seit mehreren Stunden in einem unbeheizten Zug, der sie in jenes weit entlegene Tal im Bündnerland bringen würde. Ihre Wollstrümpfe und ihr Schal kratzten. Ihr Hals war schon ganz rot. Sie fror ein wenig und mummelte sich in ihren ausgebeulten Wintermantel ein. Neben ihr auf der Holzbank lag ein alter Koffer, an der Wand lehnte eine abgegriffene Krücke. An ihrem Fenster schienen die von buntem Laub bedeckten Bäume und Häuser vorbei zu fliegen. Der Herbst war in jenem Jahr besonders verregnet und kalt gewesen. Zwar war es erst Anfangs Oktober, doch die Kälte verhiess einen schlimmen Winter. Die Wälder waren bunt gefärbt. Die Buchen leuchteten in dem ihnen eigenen Rostrot. Elsa konnte sich an den Farben nicht wirklich erfreuen. Zu viele Erinnerungen an die Zeit während des Krieges kamen in ihr hoch. Sie verdrängte das leuchtende Orange und das schimmernde Braun aus ihren Gedanken.
Ihr Sitzplatz war nicht gepolstert, sondern aus Holz. Sie spürte, wie ihr Bein zu schmerzen anfing. Ihre alten Verletzungen und die Narben meldeten sich in regelmässigen Abständen zurück. Besonders im Herbst, wenn es unangenehm feucht und kalt wurde, hatte sie grosse Mühe, sich zu bewegen. Ihr Milchbrötchen hatte sie längst gegessen. Sie liess ihren Blick über den Walensee und die darüber thronenden Churfirsten ziehen. Das türkisblaue Wasser des Sommers hatte einer grauschwarzen Brühe Platz gemacht.

Am nächsten Bahnhof stiegen einige Passagiere ein und andere aus. Eine alte, stark gebückt laufende Frau setzte sich auf den Platz gegenüber von Elsa und blickte sie freundlich aus ihrem runzeligen Gesicht an. Sie war schwarz gekleidet. Ihr ärmlicher Mantel, ihr Kleid, ihre Schuhe; alles war schwarz. Nur ihr langes, zu einem Dutt gebundenes und geflochtenes Haar leuchtete weiss. Die alte Frau schaute versonnen zum Fenster heraus.
„Es wird früh Winter in diesem Jahr“, wisperte sie. Elsa konnte deutlich hören, dass sie nicht mehr viele Zähne im Mund hatte.
Sie nickte zustimmend.
„Du bist nicht von hier, gell?“
Elsa schüttelte den Kopf.
„Leute wie du hocken normalerweise nicht in der Holzklasse.Was machst du hier oben in den Bergen?“
„Ich reise nach Plürsch und trete dort meine Stelle als Lehrerin an.“
Nun begann die Alte laut zu lachen.
„Das gibt’s ja nicht. Was für ein Zufall! Ich bin auch aus Plürsch und fahre dorthin. Das ist aber eine Freude.“
Sie reichte ihr die knorrig-knochige Hand, die gelblich und lilafarben war und schüttelte die ihre.
„Ich bin Frieda Zumbühl. Ich bin in Plürsch geboren, aufgewachsen und werde auch dort begraben.“ Dazu verdrehte sie schalkhaft ihre graublauen Augen.
„Mein Name ist Elsa Kessel. Ich komme aus Zürich.“
Frieda nickte.
„Du wirst dich nach deinem Zürich noch fest zurücksehnen, Kind. Hier oben ist‘s nicht wie im Flachland. Die Leute sind anders. Härter. Wortkarger. Sind nicht alle so wie ich.“
Frieda plapperte noch eine Weile, während Elsa ihr aufmerksam zuhörte, dann nickte die alte Frau ein. Ihr Kopf sackte nach vorne auf die Brust. Sie schnarchte recht laut und mit einem sägenden Ton. Zwischendurch seufzte und schmatzte Frieda friedlich. Elsa konnte sich ein feines Grinsen nicht verkneifen.
Zwei Stunden später, am Bahnhof „Plürsch, Talstation“ weckte Elsa Frieda. Hastig stiegen beide aus.

Elsa bot Frieda an, die Tasche zu tragen, doch die Alte winkte ab.
„Das kann ich besser als du.“ Dann stapfte sie gebeugten Rückens davon.
Elsa streckte ihre steifen Glieder und massierte ihr rechtes Bein, das wegen der Kälte schmerzte. Sie nahm ihre Krücke und lief ein paar Schritte. Dann setzte sie sich auf den Bank und wartete. Der Gemeindepräsident hatte ihr geschrieben, er werde einen Knecht ins Tal schicken, der sie ins Dorf hinauf bringen würde. Es wäre für Elsa und ihr steifes Bein nur schwer möglich gewesen, zu Fuss da hoch zu kommen.
Also setzte sie sich hin und wartete.
Ein paar Stunden später, es war inzwischen Abend geworden, sass sie noch immer dort und harrte tapfer aus. Sie fror und konnte ihr Bein fast gar nicht mehr bewegen. Elsa nahm an, dass man sie vergessen hatte. Sie spürte, wie sie immer müder wurde, kämpfte dagegen an. Sie dachte an Zürich zurück und fragte sich, ob ihr Entschluss, hierher zu kommen, richtig gewesen war. Sie spürte ein gewisses Unwohlsein in sich hoch kriechen. Irgendwann fiel sie, eingepackt in ihren warmen Mantel, in einen traumlosen, leichten Schlaf.

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