33. Kapitel: Der Tanzabend

Nachdem der Schnee geschmolzen war, mittlerweile war es April geworden, machten sich die Leute im Dorf auf, den Frühling zu begrüssen. Nach Ostern fand jeweils ein Frühlingstanzabend, an dem jeder teilnahm, der noch bei Trost oder guter Gesundheit war.
Zum wiederholten Male versuchte Robert Elsa davon zu überzeugen, auch daran teilzunehmen.
„Jeder kommt hin. Auch Sie müssen kommen. Die Leute vom Dorf erwarten Sie. Sogar der Pfarrer kommt.“
Elsa fühlte sich ungut.
„Ich kann nicht tanzen. Was soll ich denn da?“
„Wein trinken? Sich über jene amüsieren, die nicht tanzen können?“
Sie musste wider Willen lachen.
„Ich komme nicht gerne und nicht freiwillig, aber ich versuche es.“
Nachdem sich das Gerücht herumgesprochen hatte, dass Elsa trotz ihres lahmen Beins an den Tanzabend kommen würde, stand Miriam schon vor ihrer Haustür und überbrachte der Lehrerin ein blassblaues Tanzkleid.
„Meine Kinder haben Spuren hinterlassen“, lachte Miriam und fuhr sich mit der Hand kurz über ihren Bauch, „aber du wirst es tragen können.“ Elsa bedankte sich.
In ihrem Zimmer zog sie zum ersten Mal jenes Kleid an. Sie hatte schon über fünf Jahre kein solches Kostüm mehr getragen.
„Ist es richtig, dass du dich amüsierst?“ fragte sie ihr Spiegelbild. Doch es schien ihr keine Antwort geben zu wollen.

Auf dem Dorfplatz spielte die Blasmusik, die sich aus Musikanten des ganzen Tales zusammensetzte. Die Leute waren alle gekommen. Der Pfarrer begrüsste seine Schäfchen. Der Gemeindepräsident und seine Frau verteilten den Wein. Auf der linken Seite des Platzes standen die Jungfrauen, auf der anderen die jungen Männer. Elsa fühlte sich etwas unbehaglich. Sie reichte den Leuten die Hände zum Gruss und hielt Ausschau nach Robert. Dieser befand sich gerade in einem angeregten Gespräch mit der Präsidentin des Gemeinnützigen Frauenpflegevereins. Elsa hatte den Eindruck, als ginge ihre Person unter, so als wäre sie aus Glas und gar nicht richtig da. Eigentlich war ihr das recht, dass sie nicht auffiel, doch ohne die Gesellschaft von Robert fühlte sie sich fehl am Platze. Sie versuchte, sich irgendwo hinzusetzen, um gute Sicht auf den Tanzboden zu erhaschen. Elsa nahm die Blicke der Menschen um sich herum wahr. Schliesslich beschloss sie, wieder zu gehen. Sie konnte der fröhlichen Musik und dem Gesang nichts abgewinnen. Sie wusste nicht genau, weshalb, doch es schien ihr nicht richtig. Sie gehörte nicht auf den Tanz. Elsa war schon fast wieder im Haus oben angekommen, als sie plötzlich zurückgehalten wurde. Robert war ihr gefolgt.

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