34. Kapitel: Ein Tanz und ein Kuss

„Warum gehen Sie schon wieder? Sie haben noch nicht einmal getanzt!“
Elsa blickte ihn wütend an und er erschrak für einen kurzen Moment, denn er hatte sie noch nie so gesehen. „Mir ist nicht nach Tanzen. Ich kann nicht tanzen. Ich bin ein Krüppel. Haben Sie das denn nicht bemerkt?“
Sie weinte und schlug mit ihren Fäusten kraftlos auf ihn ein.
Er hielt ihre Hände fest und blickte sie ernst ein.
„Sie sind kein Krüppel und Sie wissen das. Sie fühlten sich nur besser in Ihrem Elend, wenn Ihnen das jeder zu spüren gäbe. Aber das tut hier niemand. Nur Sie selber.“
Sie hielt inne und ihre Tränen rannen an ihren Wangen herab.
„Ich hab’s nicht verdient, glücklich zu sein.“
Er schüttelte den Kopf.
„Das hat jeder Mensch verdient, gleich, was war. Was ist. Und was sein wird.“
Elsa begann wieder zu weinen.
Er blickte sie ernst an.
„Was bedrückt Sie so? Ich glaube nicht, dass alleine die Geschichte mit Julius Sie traurig macht. Bitte erzählen Sie’s mir.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht.“
Er reichte ihr die Hand.
„Kommen Sie, wir tanzen.“
Sie tanzten vor seinem Haus auf der Strasse. Elsa legte ihren Kopf an seine Brust und er konnte spüren, wie ihre Tränen sein Hemd durchnässten. Er hielt inne, blickte Elsa an und sie küssten sich. Es kam ihm vor, als hätte er noch nie in seinem Leben einen Menschen so geküsst. Sie setzten sich auf die Holzbank.

„Erzähl es mir, Elsa, egal, was es ist.“
Und Elsa begann, ihm ihre Geschichte zu erzählen.
„Es begann alles nach dem Krieg. 1947, ich war 23 Jahre alt. Seit ein paar Monaten war ich mit einem ehemaligen Nachbarsjungen, Alex hiess er, näher befreundet. Sein Vater hatte nach dem Krieg ein Vermögen gemacht, während meine einstmals wohlhabende Familie beinahe verarmt war. Unser Vater hatte bereits in den zwanziger Jahren sein Vermögen verspekuliert und einzig die Unterstützung der Familie meiner Mutter liess uns einigermassen angemessen leben. Ich sollte eine Schule für höhere Töchter besuchen, doch wir hatten kein Geld mehr. Meine Freundschaft zu Alexander wurde von meiner Familie gefördert. Er studierte Jura. Sein Vater überhäufte uns mit Geschenken. Alexander war einer der ersten Schweizer, die nach dem Krieg einen Sportwagen fuhren. Wir reisten in der halben Schweiz herum, und ich weiss bis heute nicht, woher er den Treibstoff hatte. Ich musste keinen Hunger mehr leiden. Ich bekam schöne Kleider und Strümpfe von Alex und seinen Eltern. Ich wurde behandelt wie eine Prinzessin. Alle um uns herum schienen glücklich, weil wir beide uns gefunden hatten. Ich wurde schwanger. Doch auch das war für unserer Familien kein Grund, sich aufzuregen. Wir wussten, wir würden heiraten, ein schönes Haus bewohnen und glücklich sein.
Doch der Unfall zerstörte alles. Alexander verlor in einer scharfen Kurve die Kontrolle über sein Fahrzeug. Er blieb unverletzt. Mein ganzer Oberkörper war von den Scherben der Scheibe zerschnitten. Aber das schlimmste war: ich hatte das Kind verloren. Mein Unterkörper wurde von den Sitzen eingequetscht. Ich war unfruchtbar und ein Krüppel geworden. Ich gab mir solche Mühe, doch ich konnte nicht mehr. Und ich fühlte, wie sehr mich Alexander, der mir in der ersten Zeit im Spital noch beigestanden war, satt hatte. Alexander gab mir zu verstehen, dass er nun keinen gesteigerten Wert mehr auf meine Freundschaft lege. Als Grund gab er an, er könnte sich mit einer verkrüppelten Frau nicht mehr sehen lassen. Wir stritten, und ich verfluchte ihn. Alexander verliess mich. Meine Mutter hat das nicht verkraftet. Sie gab mir die Schuld und verwies mich des Hauses. Alexanders Eltern gaben mir eine Summe Geld, damit ich ihren Sohn wegen des Unfalls nicht verklagte, und ich beschloss, fortzugehen.
Ich wollte mich zuerst in die Limmat stürzen, doch eine Schwester des Klosters hat meine Absichten bemerkt und mich mitgenommen. Sie päppelte mich auf. Von ihr erfuhr ich von dem Lehrerinnenseminar. Da wusste ich, dass ich mein Geld für diese Ausbildung ausgeben würde. So wurde ich Lehrerin. Und so kam ich hierher.“ Robert blickte sie an.
„Das ist ja schrecklich“, flüsterte er, „und was geschah dann?“
„Alexander? Er hat sich umgebracht. Mit seinem Auto ist er gegen einen Baum gerast. Bevor ich hierher kam, erreichte mich sein Brief und er flehte mich an, ihm zu vergeben. Ich habe es nicht getan und er hat sich umgebracht. Diese Schuld ist schlimmer als alles andere in meinem Leben.“
Darauf wusste Robert nichts zu sagen. Tief drinnen wusste er jedoch, dass Elsa diese Schuld nicht zu tragen hatte. Das Verhalten des jungen Mannes machte ihn wütend.
„Du hast auf deinem ganzen Körper Narben.“ Elsa nickte.
„Ich habe keine Angst vor Narben, Elsa. Sie gehören zu dir. Ich möchte dir sagen: Ich liebe dich. Du kannst mir glauben, dass ich auch deine Narben lieben werde.“

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