35. Kapitel: Eine Nacht und ein Tag

Elsa nickte und sie küssten sich erneut.
Dieses Mal ahnte Elsa, dass es nicht bei diesem einen Kuss bleiben würde. Roberts Berührungen auf ihrer kalten Haut schienen sie zu verbrennen. Sie gingen ins Haus hinein, in sein Schlafzimmer und sie zogen sich gegenseitig aus. Er küsste die von den Scherben gemachten Narben, ihren Bauch, in dem niemals ein Kind wachsen würde, ihre Lippen und ihre Augen.
Sie umarmten sich und Elsa stöhnte auf, als Robert in sie eindrang. Sie nahm seine Wärme wahr, seine Stimme. Alles. Es schien ihr, als würde sie in jenem Moment wieder lebendig werden. Sie berührte sein Gesicht, seinen Rücken, streichelte seinen Kopf. Elsa spürte ihn mit jeder Faser ihres Körpers. Die Narben, die innerlichen, verblassten langsam.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, schien ihr das Laken kalt. Robert war bereits aufgestanden und sie sah zu, dass sie sein Zimmer verliess.
Pünktlich stand sie im Schulzimmer und unterrichtete ihre Schüler. Sie sangen Lieder und den Schülern erschien die Stimme von Fräulein Kessel noch nie so klar und hell. Nach dem Unterricht fanden die Schüler ein Blumensträusschen vor der Tür. Sie kicherten.
Elsa kehrte am Mittag ins Haus zurück und fand auf dem Küchentisch einen Brief von Robert.
„Es war schön. Danke. Ich liebe Dich.“ Sie hielt den Brief an ihr Herz.
Sie wartete am Abend auf ihn, hatte gekocht, doch er kam nicht.
Miriam richtete ihr aus, er sei nach Wil gefahren, um seinen Bruder zu sehen.

Sein Bruder war in einem erbärmlichen Zustand. Es war Robert nie aufgefallen, dass sein Bruder an seinem ganzen Körper Geschwüre trug. Zwar hatte ihn Elsa darauf hingewiesen, doch er hatte ihre Worte nicht ernst genommen. Sie waren rötlich verfärbt. Er nahm ein paar Untersuchungshandschuhe und berührte die Ausschläge. Sie fühlten sich gummiartig an.
Der Stationsarzt sah besorgt aus.
„Ihr Bruder ist todkrank. Er leidet an Syphilis im vierten Stadium. Wir haben ihn getestet. Haben Sie denn nie bemerkt, wie krank er war?“
Robert schüttelte den Kopf.
„Das habe ich nicht. Ich habe vermutet, dass er sehr krank ist. Ich habe es wahrscheinlich nicht wahrhaben wollen.“
„Ihr Bruder griff eine Frau an?“
Robert nickte.
„Er leidet krankheitsbedingt zusätzlich an einer chronischen Hirnentzündung. Er konnte wohl nicht einmal mehr richtig schreiben. Der Treppensturz war ein Unfall. Seine schweren Verletzungen jedoch stammen von der Syphilis. Sogar seine ganzen Gelenke sind in Mitleidenschaft gezogen. Seine Lähmung ist bedingt durch die Schädigung seines Gehirns.“
Robert wusste nicht, ob er weinen oder lachen sollte.
„Werden Sie diese Aussage beeiden? Ich meine, können wir davon ausgehen, dass die Verletzungen von seiner Krankheit herführen und nicht vom Unfall.“
Der Arzt nickte.
Robert trat nochmals zu seinem Bruder, der im Dämmerzustand dalag und strich über dessen Kopf.
„Mein armer Bruder. Elsa soll nicht dafür büssen müssen.“ Julius blickte ihn aus trüben Augen an, schien ihn jedoch nicht zu erkennen.
„Er ist erblindet“, antwortete der Arzt auf Julius fragenden Blick.
Da kniete sich Robert zu seinem Bruder nieder und weinte an dessen Seite. Er weinte um der verlorenen Jahre wegen, der vergangenen Monate und des Glückes wegen, das er in der letzten Nacht empfunden hatte.
Später fuhr Robert zurück ins Dorf. Er kam erst spät in der Nacht an. Elsa schlief bereits und er warf lediglich einen Blick auf sie. Sie lag friedlich in ihrem Bett. Er beugte sich über sie und streichelte ihr Haar. Am nächsten Morgen erhielten Elsa und Robert die Einladung zur Gerichtsverhandlung, welche in zwei Wochen stattfinden sollte. Elsa gab sich alle Mühe, nicht laut los zu schluchzen. Robert glaubte fest daran, dass ihr nichts geschehen würde.

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