39. Kapitel: Die Entscheidung

Elsa war gerade die Treppe herab gekommen, weil sie sich vergewissern wollte, dass sie nicht schlecht geträumt hatte. Sie stand im Türrahmen und glaubte, für einen Moment nur, gleich von der Hölle verschluckt zu werden.
Wortlos ging sie zurück in ihr Zimmer und packte ihre Kleider in den Koffer.
Von Robert und Sybille unbemerkt verschwand sie durch die Türe.
Nachdem Sybille ihm erzählt hatte, was sie die letzten paar Jahre getan hatte, richtete er ihr ein Bett in jenem Keller, in welchem ihre Praxis hätte entstehen sollen. Es war ihm klar, dass seine Frau hier bleiben würde. Er würde für sie sorgen.

Elsa war währenddessen geschockt ins Schulhaus zurück gekehrt. Es schien ihr, als sei dieses Gebäude der einzige Ort, an dem sie zu ihrer Ruhe zurückfinden würde. Sie holte einen Staublappen und begann die Möbel in ihrem Schlafzimmer zu säubern. Nach einem Moment des Zögerns betrat sie Julius’ ehemaliges Zimmer und begann, es aufzuräumen. In seinem Schrank fand sie zwischen stinkenden Kleidern einige Porträtzeichnungen und ein Tagebuch. Sie wusste natürlich, dass es nicht für sie bestimmt war, doch in ihrem momentanen Zustand waren ihr moralische Vorkehrungen egal. Elsa blätterte in dem Buch und begann auf der ersten Seite zu lesen:

21. März 1940
Ich habe überall nach ihr gesucht, doch sie scheint verloren und verschwunden. Ich fürchte mich vor der Zukunft, möchte mich am liebsten umbringen, doch irgendeine Kraft hält mich am Leben. Einige von uns waren im Val de Travers, wir tranken Absinthe, doch die grüne Fee hauchte mir keinerlei Inspiration ein. Die Kameraden lachten, doch ich konnte es nicht. Mehr als einmal wünschte ich mir, ich hätte den Mut, mir die letzte Kugel durch den Kopf zu jagen.

25. März 1940
Ich bin krank geworden, habe einen Ausschlag. Der Truppenarzt meinte, ich hätte die Syphilis. Er vermutete nur. Ich wusste es. Sie war krank gewesen und hat es mir wohl angehängt. Ich wünsche ihr den Tod so sehr, wie ich sie liebe. Sie wollte mich nicht, was mir das Herz bricht. Robert ist Sanitätsarzt. Er ist so tapfer, der Stolz unseres Vaters, während ich der herumhurende Sohn bin. Egal, was ich tue, in seinen Augen gilt nur Robert.

2. April 1940
Robert hat Sybille geheiratet. Sie liebt ihn nicht. Er liebt sie über alles. Ich weiss es. Ich seh‘ es ihm an. Sie ist nicht kalt. Aber sie weiss, was sie will. Sicherlich wird sie nicht mit ihm ins Dorf zurückkehren. Ich kenne ihre Träume. Sie wird irgendwann eine eigene Praxis haben und reiche Leute behandeln. Aber sie wird nicht in einem heruntergekommenen Bauernkaff Kinder entbinden und alte Leute in den Tod begleiten. Das kann sie nicht, das wäre gegen ihre Natur.

Elsa musste sich setzen. So war das also.
Sie verstand mit einem Mal, was ihr vorher nicht klar gewesen war. Während sie überlegt, was sie nun tun würde, putzte sie weiter. Sie musste denken. Elsa brauchte einfach genügend Zeit, um zu überlegen, was sie nun tun würde.

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