40. Kapitel: Wie weiter?

Natürlich hatten die Leute im Dorf mitbekommen, dass Elsa wieder im Schulhaus wohnte. Doch nur die wenigstens waren auf den Grund dafür gestossen. Miriam besuchte ihre Freundin und brachte ihr ein paar Blumen.
„Du vergräbst dich hier in diesem Haus, obwohl du dich hier gar nicht wohl und sicher fühlst.“
Elsa nickte.
„Es geht mir nicht besonders gut. Ich schäme mich. Warum hat er mir nicht gesagt, dass er noch verheiratet ist? Warum hast du mir nichts gesagt?“
Miriam blickte sie ernst an.
„Einige wussten es noch. Andere wiederum haben Sybille jahrelang nicht mehr gesehen. Es muss doch einen Grund haben, dass sie so plötzlich hierher gekommen ist.“
Elsa nickte erneut.
„Sie ist sehr krank.“
Miriam strich ihrer Freundin über die Schulter.
„Du bist doch ein gläubiger Mensch. Glaubst du nicht auch, dass es deine Christenpflicht ist, diesen zwei Menschen beizustehen?“
Elsa schüttelte den Kopf.
„Überlege doch, sie kann nichts dafür, und er konnte es nicht sagen, weil es ihn damals so sehr verletzt hat. Du hast ihn geöffnet. Ich bin sicher, er hätte sich dir anvertraut. Irgendwann.“
„Ja. An jenem Morgen, als ich in seinem Bett erwacht bin und seine Frau vor der Tür stand?“
„Er begeht Ehebruch, nicht du. Du hast von nichts gewusst. Du bist Jane Eyre und er Mr. Rochester.“
„Und du bist verrückt.“

Während Elsa wie eine Irre das Innere des Schulhauses auf Vordermann brachte, unterstützt von ihrer Freundin Miriam und begleitet von Katharina der Grossen, pflegte und untersuchte Robert seine Ehefrau. Sybille sah schlecht aus. Ein Kollege in Zürich hatte bei ihr Leberkrebs diagnostiziert. Sie fühlte sich den Umständen entsprechend gut, war aber ein wenig schwach auf den Beinen.
„Du solltest bei deiner Freundin vorbeischauen“, flüsterte Sybille.
„Das hat Zeit. Sie ist ohnehin wütend auf mich.“
„Sie liebt dich. Und sie ist bereit, mit dir hier oben zu leben. Das war ich nie.“
„Du hattest zuwenig Zeit, dich einzuleben.“
„Mach dir nichts vor, Robert. Ich wollte es nicht. Ich wollte meinen Spass. Julius hat das immer gespürt. Er hat mich gefragt, ob ich dich wirklich will. Das war der Grund, warum wir jahrelang nicht mehr miteinander sprachen. Ich habe dich damit so sehr verletzt.“
„Ich hätte nicht nie in Zürich leben können.“
Sie nickte müde.
„Du warst immer ein Naturbursche. Deshalb hab ich dich so geliebt. Aber ich war nie eine Frau, die zwischen Kuhfladen und Holzscheiten alt werden kann. Ich wollte Kleider von Dior, Konzerte, die Oper. Ich hab nicht gesehen, was du mir wert warst und ich hab dich verletzt.“
Robert hielt ihre Hand.
„Du sprichst, als würdest du bald sterben.“
Sybille lächelte ihn matt an.
„Du hättest Arzt werden sollen.“
Robert versuchte zu lächeln, doch stattdessen lief ihm eine Träne über sein Gesicht.
Am Abend klopfte es an seiner Tür. Elsa stand draussen.
„Ich wollte nicht stören.“
„Du störst nicht.“
Robert stellte Elsa erneut seiner Frau vor. Sybille gab ihr die Hand.
Elsa blickte die Frau an. Sie war um die Vierzig, rothaarig und hatte eine spitze Nase. Sie musste eine wunderschöne Frau gewesen sein, bis der Krebs begonnen hatte, ihren Körper zu zerstören. Doch nun sah man ihr den Krebs, der in ihr wütete, an.
Elsa sprach mit Sybille über Zürich. Sie tauschten sich über Plätze, die sie beide kannten, aus. Sybille kannte sogar Elsas Mutter von einem Empfang.
„Sie sollten ihr einen Brief schreiben. Sie wartet sehnsüchtig darauf.“
Elsa schluchzte, Robert versuchte, sie zu trösten.
Die beiden gingen in die Küche.
„Wie schlimm ist es?“
„Sie wird bald sterben. Sybille ist ganz allein.“
„Wie wird es sein? Wird sie leiden?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich werde ihr Morphium spritzen.“
„Brauchst du mich? Braucht ihr mich, oder werde ich euch stören?“
Er umarmte Elsa.
„Nein, du störst nicht. Und ich wüsste nicht, was ich tun sollte, wenn du nicht mehr bei mir bist.“
Elsa drückte sich an ihn. Sie weinte. Nachdem sie sich beruhigt hatte, gingen sie zu Sybille.
Sybille sollte nicht alleine sterben.

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