32. Kapitel: Auf der Suche nach Alexander

Isaak Rosenblatt blieb währenddessen nicht untätig. Nachdem er sich von seinem ersten Eindruck hatte überzeugen lassen, beschloss er, die Eltern von Alexander aufzusuchen. Der Vater war in der Zwischenzeit gestorben, während seine Mutter eine grosse Villa oberhalb von Zürich bewohnte Die alte Dame trug mit Vorliebe lila Gewänder . Ihr langes weisses Haar wallte über ihrem Haupt und sie wirkte wie eine Medusa. Sie stand da, als er sie aufsuchte und rauchte eine Zigarette mit Spitze.
„Hallo“, hauchte sie.
„Guten Tag“, er gab ihr die Hand und verbeugte sich kurz.
Die alte Dame reichte ihm die Hand und lächelte ihn an.
„Sie sind einer der Kommilitonen meines Sohnes. Ich kenne Sie. Sie waren der kleine Jude. Sie mochte er besonders.“
Isaak wurde verlegen.
„Ich bin gekommen, um mit Ihnen über Elisabeth zu reden.“
Sie blickte ihn erstaunt an.
„Nach all den Jahren wollen Sie mich über Elisabeth ausfragen?“
Er nickte.
„Ich kann Ihnen nicht sehr viel sagen. Ich habe sie seit dem Unfall nicht mehr gesehen. Ich weiss nicht, wo sie ist.“
„Haben Sie eine Ahnung, wo ich Ihre Eltern finden kann?“
Das Gesicht der alten Frau verhärtete sich.
„Nein. Und ich habe auch kein Interesse, es zu erfahren!.“
Wortlos zeigte sie ihm die Tür und schickte ihn weg.
Issak stand hilflos vor dem grossen Haus und wusste nicht, was er machen sollte. Als er gerade gehen wollte, nahm er eine Bewegung im Garten wahr. Es war der Gärtner, der mit einer Schneeschaufel aus dem Schuppen kam. Er winkte ihm zu und rannte zu ihm.
Der alte Mann war warm angezogen. Er schaufelte den Schnee von der Terrasse des Hauses.
„Grüss Gott“, sagte Isaak.
Der Gärtner nickte ihm wortlos zu.
„Arbeiten Sie schon lange hier bei der Familie?“
„Sie meinen, bei der gnädigen Frau?“
Isaak nickte eifrig.
„Ich bin seit 25 Jahren hier angestellt, erst beim Alten, seither bei ihr.“
„Kennen Sie auch den Sohn des Hauses?“
Der Gärtner blickte ihn böse an.
„Herumschnüffeln kannst du irgendwo anders, du Kerl.“
Wie wenn nichts wäre, packte er Isaak am Kragen, hob ihn hoch und setzte ihn erst wieder vor dem Gartentor ab.
„Wenn du noch einmal hier auftauchst… ich mach dir Beine.“
Isaak hatte keine Lust herauszufinden, ob der Alte übertrieb. An Kräften schien es ihm jedenfalls nicht zu mangeln.
Hannah lachte ihren Mann aus, als er ihr sein Erlebnis schilderte.
„Du hast ein Talent, dich in schwierige Situationen hinein zu katapultieren, mein Lieber.“
Isaak fand das gar nicht lustig. Er hätte nur zu gerne gewusst, warum die Leute auf sein Fragen nach Alexander und Elisabeth derart gereizt reagierten.
Er beschloss stattdessen, Elsa so bald als möglich mit seinem Verdacht zu konfrontieren.

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31. Kapitel: Tage mit Berta

Am nächsten Tag hatten die Bauern die Strasse einigermassen frei geräumt, so dass Robert zu Bertas Mutter gelangen konnte. Die alte Frau war währenddessen friedlich eingeschlafen. Berta weinte. Robert nahm sie in den Arm.
„Man kann sie noch nicht begraben. Sie haben den Friedhof noch nicht frei gelegt“, schluchzte sie, „was soll ich denn jetzt machen? Ich kann doch nicht neben ihrer Leiche Mittag essen.“
Er schüttelte mitfühlend den Kopf.
„Nein. Das kannst du nicht, Berta. Komm mit mir in mein Haus. Ich habe genügend Zimmer. Fräulein Kessel wird dich sicherlich auch gerne bekochen.“
Bertas Habseligkeiten für die nächsten Tage waren schnell gepackt. Der Schreiner hatte den Sarg noch nicht fertig, doch in drei Tagen würde Berta ihr Haus wieder betreten können.

Elsa war froh, dass sie für den Moment wenigstens nicht mehr alleine mit Robert in dessen Haus wohnen musste. Berta war eine ausgesprochen fröhliche Person, selbst jetzt, da ihre Mutter tot war, lachte sie viel. Doch sie weinte auch häufig und konnte sich kaum mehr beruhigen. Elsa schloss aus dem Verhalten von Robert und Berta, dass sie sich schon lange kennen mussten. Berta schien alles zu unternehmen, um möglichst nah bei Robert sein zu können. Das Gefühl, welche Elsa in jenem Moment empfand, war schwer zu beschreiben. Sie spürte einen feinen, aber sauren Stich in der Nähe ihres Herzens. Sie konnte ihn sich nicht erklären. Hätte man ihr gesagt, sie litte unter Eifersucht, so hätte sie laut gelacht. Eifersucht war kein Gefühl, das ihr nahe war und auf welches sie Wert gelegt hätte.
Elsa entging auch nicht, wie viel Berta trank. Ihr raues Gesicht, ihre breite Nase und die rot unterlaufenen Augen liessen darauf schliessen. Elsa erinnerte sich, wie die Ordenssschwestern im Winter oft arme Seelen von der Strasse geholt hatten, damit sie nicht in ihrem Suff in die Limmat stürzten oder in der Kälte erfroren. Sie wusste nicht recht, wie sie sich verhalten sollte, deshalb zog sie sich nach den Mahlzeiten meistens zurück.

Robert entging dies nicht. Er war deshalb froh, als ein paar Tage später die Nachricht vom Schreiner kann, man könne die alte Mutter einsargen und beerdigen. Berta verliess sie wieder.

30. Kapitel: Robert und Berta

Robert Forster hatte alle Hände voll zu tun. Bei diesem Wetter war mit seinem Automobil kein Vorwärtskommen mehr und er verlegte sich darauf, seine Patienten auf Skiern aufzusuchen. Trotz seiner 54 Jahre fühlte er sich noch fit genug, um die Steigungen zu meistern. Sein Beruf hielt ihn jung.
Einige ältere Leute im Dorf waren sehr schwach. Natürlich wäre es eine Möglichkeit gewesen, einige von ihnen ins Krankenasyl oder ins Heim nach Chur zu bringen. Aber er wusste ganz genau, dass die Dorfbewohner in ihren eigenen Betten sterben wollten, begleitet von ihren Frauen, Männern, Söhnen, Töchtern und vielen Enkeln. Er wollte es ihnen ermöglichen.
Der Mutter der Krämerin spritzte er täglich Morphium. Der Krebs hatte die einst stämmige Frau ausgezerrt, und er konnte die schrecklichen Schmerzen, welche die alte Frau plagten, nur erahnen. Berta kümmerte sich liebevoll um ihre Mutter, auch wenn dies immer schwerer wurde. Berta hatte nie geheiratet. Sie war ganz allein und hatte ausser ihrer Mutter keine Menschenseele mehr. Die Mutter warf ihr dies nun, während sie sich im Delirium befand, immer wieder vor. Berta war schon ganz verzweifelt und zog sich in stillen Minuten, in denen die Mutter schlief, zurück, um laut zu weinen.
Robert konnte ihr Leid nicht mit ansehen. Er sah es als seine Aufgabe an, sich nicht nur um den Patienten, sondern auch um deren nächste Angehörige zu kümmern. Er trat zu Berta hin, deren Augen ganz rot von den vielen geweinten Tränen waren und tätschelte sanft ihre Schulter. Berta blickte ihn dankbar an und hielt seine Hand.
Er erinnerte sich, wie wunderschön Berta einst gewesen war. Ihr Vater war an der Spanischen Grippe gestorben, doch Mutter und Tochter hatten wie durch ein Wunder überlebt. Er dachte daran, wie sie in der Schule einander immer wieder angeblickt hatten. Berta war die erste Frau gewesen, deren Brüste er berühren durfte. Als er ins Gymnasium ging, beendeten sie ihre Beziehung.
Von Bertas damaliger Schönheit und ihrem Liebreiz war nichts mehr geblieben. Ihr einst blondes, langes Haar hatte sich gelbgrau verfärbt und hing in Strähnen herunter, ihre vollen Lippen waren dünn geworden und sie hatte in den letzten zehn Jahren vermehrt dem Alkoholgenuss zugesagt.
„Weißt du noch, damals?“ flüsterte sie.
Er nickte.
„Wenn du nur mich genommen hättest. Alles wäre anders gekommen.“
Er blickte sie an und schüttelte den Kopf.
„Man kann seinem Schicksal nicht entkommen, Berta.“
Sie begann erneut zu weinen. Robert jedoch wandte sich ab und kehrte an das Bett der Mutter zurück.
„Gell, bald bin ich bei dir. Ich freue mich schon dich drüben bald wieder sehen“, säuselte diese unter Stöhnen. Er konnte gut hören, wie sich das Wasser in ihren Lungen staute. Es würde nicht mehr lange dauern, das wusste er.
Er gab ihr die Hand.
„Alles Gute für dich“, flüsterte er.
Sie nickte.
„Gell, wir sehen uns drüben wieder.“
Nun nickte er. Er strich noch ein letztes Mal über ihre ausgezerrten Hände. Morgen würde er wieder kommen und den Tod der alten Krämerin feststellen. da war er sich ziemlich sicher.

In jener Nacht fiel der Schnee über zwei Meter hoch. Die Leute waren in ihren Häusern eingeschlossen. Die Stimmung war gespenstisch. Natürlich hatten sich alle darauf vorbereitet, doch das Kerzenlicht und die Wolldecken konnte nicht verhindern, dass man sich in seinen vier Wänden seltsam eingeschlossen fühlte. Der Schnee schien jegliche Gefühle zu dämpfen. Elsa hatte sich hinter den Kachelofen zurückgezogen, um zu stricken. Robert sass in seinem Sessel und las in einem medizinischen Fachbuch.
Wie er nachdachte und um sich schaute, fiel ihm auf, wie perfekt Elsa und er harmonierten. Sie konnten stundenlang nebeneinander sitzen, ohne ein Wort zu sprechen. Hätte man nicht gewusst, warum sie hier wohnte, so hätte man denken können, sie wären verheiratet. Er lächelte. Kurz.
Sie sah von ihrer Handarbeit auf. Ihre Blicke trafen sich, und Elsa lächelte ebenfalls.
Das war jener Moment gewesen, in welchem sich Robert gewünscht hätte, er wäre auf sie zugegangen, um sie zu umarmen. Jenes Eingeschlossensein im Schnee setzte ein seltsames Gefühl in ihm frei, dem er nachgeben wollte, aber aus moralischen Gründen nicht durfte. Er fragte sich plötzlich, ob auch Julius solche Gedanken gehabt hatte. Seine eigenen Wünsche waren nicht mehr als menschlich, doch nun erschienen sie ihm unaussprechlich. Ihr Haar, ihr Körper, ihre Stimme verlockten ihn.

29. Kapitel: Ein gutes neues Jahr?

Die Sternsinger gingen im ganzen Tal herum und versahen die Häuser der Menschen mit ihren Zeichen. 19*C+M+B+51 schrieben sie an die Türbalken.
Das Jahr 1951 war da. Die Menschen gaben sich Mühe, nicht mehr an die vergangenen schweren Jahre des Krieges zu denken. Elsa betete wie jeden Morgen, bevor sie ihr Schlafzimmer verliess.
Seitdem sie den Brief ihrer Lehrerin erhalten hatte, fühlte sie eine grosse Unruhe in sich und sie wusste, sie musste etwas tun. Für die nächste Nacht waren grosse Schneefälle im Radio vorausgesagt worden und sie beeilte sich, rechtzeitig in die Schule zu kommen, um den Kindern vor dem grossen Schnee genügend Hausaufgaben mitgeben zu können. Schon um zehn Uhr morgens begann es wie wild zu schneien und sie musste die Kinder nach Hause schicken, damit sie überhaupt noch heil ankamen. Sie machte sich besonders Sorgen um jene des Oberalpbauern. Obwohl mehrere Leute im Dorf den Bauern bekniet hatten, im Winter ins Dorf zu ziehen, hatte er nicht nachgeben wollen. Sie fragte sich, was werden würde, wenn seine Frau wieder ein Kind bekäme und Doktor Forster nicht einmal eine Möglichkeit hätte, das Haus in den Felsen oben zu erreichen.
Sie packte hastig ihre ganzen Sachen ein und verschloss sämtliche Fenster des Schulzimmers. Elsa ging ins Haus des Arztes zurück. Sie hatte sich in den letzten Wochen umgehört, wer ihr wohl ein Zimmer vermieten konnte. Doch da die meisten Familien aus mindestens acht bis zehn Mitgliedern bestanden, war der Platz knapp. Elsa fühlte sich bei dem Gedanken, noch länger mit dem Arzt unter einem Dach zu wohnen unwohl. Sie mochte es nicht, wenn über sie Gerüchte kursierten und sie somit in den Brennpunkt des allgemeinen Interesses kam. ^

28. Kapitel: Weihnachten in Zürich

Zuhause angekommen überreichten sie sich ihre Weihnachtsgeschenke. Robert freute sich über das Geschenk und überreichte ihr ein Buch. Es war eine Ausgabe der Zürcher Bibel. Er konnte ihrem Blick entnehmen, dass sie jene Ausgabe noch nicht besass. Sie dankte ihm und sass mit sittsam angewinkelten Beinen und Armen neben ihm auf dem altehrwürdigen Sofa.

Robert sah sie an und glaubte für einen Moment nachempfinden zu können, wie sich sein Bruder neben ihr gefühlt haben musste. Sie wirkte unnahbar, so als sei um sie herum ein unsichtbarer Käfig aus Glas, den nur Eingeweihte betreten dürften.

Elsa ging früh zu Bett. Es war morgens um drei. Die Mitternachtsmette hatte lange gedauert. Sie dankte dem Herrgott für das schöne Weihnachtsfest und schlief mit der Zürcher Bibel in ihren Armen friedlich ein.
Ein paar Tage später erhielt Elsa einen Brief ihrer Lehrerin aus dem Kloster.
„Sie suchen nach Dir, mein Kind. Sei wachsam.“ Elsa bekam es mit der Angst zu tun.
Sie zog ihr Sonntagskleid an und ging in die Kirche. Sie wusste, dass der Pfarrer heute die Beichte abnahm.
Nach drei Stunden verliess sie den Beichtstuhl und liess einen zutiefst erschütterten Pfarrer zurück. Als Elsa langsam vom Beichtstuhl wegging, konnte sie an seinem Gemurmel hören, wie er zu beten angefangen hatte.

Die Bäuerinnen hatten sich über die kleinen Kinderkleider sehr gefreut. Die Oberälplerin hatte gar ein Briefchen geschrieben, in dem sie Elsa für die tatkräftige Unterstützung bei der Geburt ihrer Tochter Elsy dankte. Ja, Elsy sollte das Mädchen heissen, zu Ehren der Lehrerin, die zuvor noch nie bei einer Geburt dabei gewesen war.Elsa weinte, als sie den Brief zum wiederholten Male durchlas. Sie war gerührt, aufgerüttelt. Das Babyhöschen, das sie der Bäuerin geschenkt hatte, hatte sie nicht zum ersten Mal gestrickt.

Auch die Rosenblatts feierten Weihnachten. Hannah und Isaak freuten sich sehr über ihren kleinen Sohn. Isaak vergass für einmal seine Sorgen über den Julius-Fall. Er hatte sich alle Mühe gegeben, nicht die ganze Zeit an Elsa Kessel zu denken, doch die Frau ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.Er hatte sogar angefangen, alte Fotoalben durchzublättern, obwohl ihn die Erinnerung sehr schmerzte, um irgendwie einen Anhaltspunkt zu bekommen, wo er die Frau schon mal gesehen hatte.
Während Hannah die Kerzen anzündete, erinnerte er sich an die Jahre nach dem Krieg. Er war Mitte Dreissig gewesen und hatte endlich in Zürich sein Jurisprudenzstudium vollenden können. Er erinnerte sich an einen seiner Kommilitonen, einen jungen Tunichtgut, der nichts mehr liebte als Frauen und schnelle Autos. Alexander war sein Name gewesen und Isaak dachte zurück an die Feste, die sie zusammen gefeiert hatten. Alexanders Eltern waren sogenannte Kriegsgewinnler und hatten ein Vermögen mit Schrotthandel gemacht. Ihr Sohn sollte alle Möglichkeiten haben, von denen ein junger Mann nach dem Krieg nur träumen kann. Der junge Mann war kein Genie gewesen, doch sein jungenhafter Charme und sein Reichtum waren ein Türöffner zu jedermann Herz gewesen.
Isaak erinnerte sich auch an die Freundin des jungen Mannes, ein Mädchen aus gutem Hause, brav, etwas hausbacken, unschuldig trotz der Kriegsjahre. Die beiden liebten das Leben und feierten, als wären es die letzten Tage ihres Lebens.
Er erfuhr von Alexanders Autounfall erst sehr viel später. Es hatte ihn nicht gross verwundert, als sein Kommilitone nicht mehr zu den Vorlesungen kam. Er hatte vermutet, dass sich Alexander nun ein neues Steckenpferd ausgesucht hatte, welches etwas weniger arbeitsaufwändig war. Sein Auto hatte einen Totalschaden. Alexander war wie ein Verrückter über den Klausenpass gefahren. Das Gefährt überschlug sich, als er in einer Kurve von der Strasse abgekommen war. Wie durch ein Wunder hatte er ohne eine gravierende Verletzung überlebt. Das Mädchen jedoch, Elisabeth hiess es, wie es Isaak plötzlich durchfuhr, hatte schwere Verletzungen am ganzen Körper. Von Alexander hatte er nie mehr etwas gehört und auch das Mädchen schien wie vom Erdboden verschluckt. Isaak begann zu weinen.
„Nicht das erste Mal, dass die Menschen um mich herum einfach verschwinden“, flüsterte er. Hannah sah seine Tränen, ging auf ihn zu und umarmte ihn.
„Ich bin noch da“, sagte sie mit klarer Stimme. Isaak nickte.
„Ich dachte nur gerade an einen Freund. Ich weiss nicht, wo er ist.“
„Hat das mit einem deiner Fälle zu tun?“
Isaak schüttelte den Kopf. Schliesslich blickte er seine Frau überrascht an.
„Ich glaube, ich habe mich getäuscht.“
„Weshalb? Wovon?“
„Elsa ist eine Kurzform von Elisabeth“, stammelte er.
Seine Frau lachte.
„Jetzt bist du wohl völlig verrückt geworden!“

27. Kapitel: Weihnachten im Dorf

Das erste Weihnachtsfest, das Elsa im Dorf feierte, sollte für immer in ihrer Erinnerung haften bleiben. Sie übte mit den Kindern festliche Weihnachtslieder und Samichlausverse. Elsa versuchte, den Kleinsten die Angst vor dem Chlaus zu nehmen. Die Schüler hatten Tannzapfen gesammelt und arbeiteten gemeinsam an einer grossen Krippe, die in der Kirche aufgestellt werden sollte. Die Frauen des Dorfes nähten Kleider für die lebensgrossen Holzfiguren, während ein paar Männer aus Schindeln und Brettern eine Krippe zimmerten. Die Kinder bastelten den Schmuck für die heiligen drei Könige.
Elsa hatte im November ein paar Socken gestrickt für Robert. Allerdings war sie sich nicht mehr sicher, ob sie sie ihm diese wirklich schenken sollte. Schliesslich waren Socken kein unverfängliches Geschenk, wie sie fand. Doch dann überwand sie ihren Vorbehalt, packte sie die Socken ein und verstaute sie in ihrem Schrank, damit sie bereit während für Weihnachten.
Die Feier fand wie jedes Jahr am Abend des 24. Dezember in der kleinen Kirche des Dorfes statt. Für einmal nahm auch Robert an dem Gottesdienst teil. Leicht benebelt vom Weihrauch und den besinnlichen Liedern standen die Dörfler da und sangen. Männer und Frauen sassen brav getrennt in den Bänken, links die Frauen, rechts die Männer. Vorne neben der Kanzel stand ein mit Äpfeln und Kerzen geschmückter Christbaum. Maria und Josef, sowie die Hirten standen um die Krippe herum. Elsa musste schmunzeln, als sie bemerkte, dass wohl eines der Kinder dem Christkind einen Teddybär in die Krippe gelegt hatte. Sie blickte sich um und sah auf der anderen Seite des Kirchenflügels Robert. Ihre Blicke trafen sich kurz und Elsa spürte, wie ihr Herz einen Sprung machte. Elsa schloss die Augen und konzentrierte sich ganz darauf, nicht zu erröten.
Nach dem Gottesdienst reichten sich alle die Hände. Vor der Kirchentüre trafen sich die Dörfler, um einander schöne Weihnachten zu wünschen. Der Gemeindepräsident und seine Frau umarmten Elsa und luden sie für den nächsten Morgen zu sich ein. Sogar die alte Frieda war gekommen, verschwand aber sofort nach dem Gottesdienst in der Dunkelheit.
Robert war plötzlich neben Elsa aufgetaucht und bot ihr seinen Arm an.
„Lassen Sie uns noch ein wenig im Schnee wandern“, sagte er.
Sie willigte ein.
„Weihnachten ist ein schönes Fest“, begann er.
Elsa nickte.
„Ich wollte Ihnen nur sagen, wie leid es mir tut, weil ich Ihnen damals nicht geholfen habe.
Sie blickte ihn erst ernst, schliesslich überrascht an.
„Ich dachte, Sie geben mir die Schuld am Unglück Ihres Bruders.“
Er schüttelte den Kopf.
„Mein Bruder ist ein bemitleidenswerter Mensch. Er hat gewiss sein Leben lang versucht, Gutes zu tun. Doch in Ihrem Fall ist ihm dies nicht gelungen. Er hat Ihnen weh getan. Er hat versucht, Sie zu erniedrigen. Das halte ich für sehr verdammenswert.“
Elsa wusste darauf nichts zu sagen. Sie war gewissermassen sprachlos.
„Sie vergeben mir, dass ich ihn von mir weg gestossen habe?“
Er schüttelte den Kopf.
„Sie haben versucht, Ihr Leben zu retten. Dafür muss ich Ihnen nicht vergeben.“
Elsa blickte Robert an und für einen Moment war sie versucht, ihren Kopf an seine Brust zu legen und hemmungslos zu weinen. Die Erinnerung tat ihr weh. Mit einem Mal fühlte sie einen unglaublichen Schmerz. Stattdessen schluckte sie ihre Tränen runter und lächelte tapfer.

26. Kapitel: Ein gemeinsamer Abend

Elsa strickte an jenen Abenden, die sie mit Robert in der Bibliothek verbrachte, an ihrer Handarbeit weiter. Sie mochte es, seinen regelmässigen Atemzügen zuzuhören, während ihre Stricknadeln munter ihren eigenen Rhythmus klapperten. Sie strickte Kinderkleider in vielen Farben.

Robert bemerkte dies und fragte sich seit längerem immer wieder, warum Elsa keine Kinder hatte. Die Frage war eigentlich einfach zu beantworten, dachte er bei sich selbst. Sie ist nicht verheiratet. Doch trotz allem konnte er sich nicht vorstellen, dass allein ihr lahmes Bein sie am Heiraten hinderte. Es musste noch mehr dahinter stecken und er war entschlossen, es herauszufinden.
Er gab sich Mühe, sie nicht zu oft anzusehen. Seltsamerweise spürte, wie ihre blosse Anwesenheit ihn zusehends zufriedener machte.
Elsa sah blass aus. Sie konzentrierte sich auf ihre Strickarbeit und schaute nur selten um sich. Katharina die Grosse hat zu ihren Füssen Platz genommen und schnurrte angenehm erfreut, wenn Elsa sie von Zeit zu Zeit liebkoste.
„Für wen stricken Sie diese Kinderkleider?“, wollte Robert wissen.
„Ich werde sie zu Weihnachten an alle Mütter verschenken. Einige Leute im Dorf haben nicht sehr viel Geld, und es macht mir Freude, ihnen etwas zu schenken.“
„Haben Sie gewusst, dass uns die meisten Leute des Dorfes verdächtigen, eine Affäre zu haben?“, fragte er in einem Moment der unverfrorenen Direktheit.
Elsa blickte ihn ungläubig an und zutiefst verlegen an.
„Machen Sie Scherze?“
Er schüttelte ernst den Kopf.
„Wie kommen die denn darauf?“
„Wir verbringen viel Zeit zusammen.“
„Ich weiss doch, was ich weiss. Warum gibt es bloss Menschen, die so böse Gerüchte streuen müssen?“
„Klatsch ist menschlich. Das sollten Sie doch wissen.“
Elsa blickte ihn traurig an.
„Das weiss ich wohl.“
Sie verabschiedete sich eilig und begab sich in ihr Zimmer. Einmal mehr konnte Robert ihr Schluchzen hören. Da tat es ihm leid, dass er mit ihr darüber gesprochen hatte.

25.Kapitel. Zwei Brüder

Die Wochen vergingen weiter wie im Flug. Weihnachten stand vor der Tür, und Robert erhielt einen folgenschweren Brief. Der Direktor des Kantonsspitals in St. Gallen teilte ihm mit, seinen Bruder in die Kantonale Psychiatrische Klinik in Wil hatte verlegen müssen. Der Kranke habe immer mehr Anzeichen des völligen Irrsinns gezeigt. Man sah sich ausserstande, ihn noch weiter zu pflegen. Des weiteren kündigte der Direktor einen Brief des behandelnden Arztes der Psychiatrischen Klinik an, welcher ebenfalls tiefergehend auf den psychischen Gesundheitsstand des Julius Forster eingehen würde.
Robert seufzte.
Es hatte ja so kommen müssen. Er dachte daran, wie ihn sein Bruder während seines Studiums besucht hatte. Es war nach dem ersten Weltkrieg. Er hatte immer nur Frauen im Kopf gehabt. Dicke, dünne, hässliche und schöne Weiber. Sein Bruder erschien ihm wie ausgewechselt. Er erinnerte sich an eine jener verhängnisvollen Frauen von damals. Eine war eine Fahrende gewesen. Ein schönes Weib war sie wohl gewesen, als sie noch jung war. Doch das war lange her.
Robert hatte in diesem Zusammenhang zum ersten Mal von der Krankheit „Syphilis“ gehört. Er erinnerte sich an ihr Gesicht, das von kleinen seltsamen Geschwüren bedeckt war. Während des Studiums hatte er sich für die menschlichen Krankheiten interessiert. Es beschäftigten ihn die Folgen der Tuberkulose, der Kinderlähmung, das Kindsbettfieber, Symptome der Lepra und der Spanischen Grippe. Er hatte die Menschen immer nur als Summe von Symptomen angesehen. Als er jedoch auf die Zigeunerin traf, wurde ihm bewusst, was die Krankheit am Menschen anrichten kann.
Während des Krieges hatte Julius an der Landesgrenze gewacht, während er Robert im Sanitätsdienst arbeitete. Sie hatten sich Briefe geschrieben, doch nach dem Krieg hatte Robert bemerkt, wie fremd ihm sein Bruder geworden war. Er dachte an die Worte des Vaters, der seinen jüngeren Sohn nie so sehr lieben konnte wie seinen Älteren und daran, wie sehr dies Julius verletzen musste. Sein Bruder war immer der verträumtere Junge gewesen. Ein Künstler, keiner, der in eine Bündner Bauernfamilie passt. Er war den Älteren unheimlich gewesen.
„Das Leben hat Julius zerstört“, flüsterte er, während er den Brief las.
Er beschloss, so bald wie möglich seinen Bruder zu besuchen.

24. Kapitel: Annäherung

Als Elsa erschöpft ins Bett fiel, merkte sie, wie gut es ihr ging. Sie hatte trotz der Strapazen nur wenig Schmerzen in ihrem Bein gehabt. Vielleicht gibt es ja doch ein Verheilen alter Wunden, dachte sie überrascht.

Die Nachricht, dass Elsa Kessel dem Doktor bei der schweren Geburt geholfen hatte, verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf. Alle wussten Bescheid. Die Gerüchteküche brodelte von neuem, was nicht besonders verwunderlich war.
Hatte man beim Unfall des Julius Forster noch Notwehr vermutet, so hielten nun alle den Doktor und die Lehrerin für ein Liebespaar. Niemand mochte das Kind jedoch beim Namen nennen, und so schwiegen die Leute im Dorf. Doch ihre Augen folgten den beiden unaufhaltsam.
Einzig der Pfarrer, dem diese Geschichte zu Ohren gekommen war, fragte sich, ob es nicht in seiner Verantwortung läge, die junge Lehrerin zu anständigem Verhalten anzuhalten. Er beschloss, die Sache bei seiner Sonntagspredigt anzusprechen.

Robert hatte schon seit einiger Zeit bemerkt, dass er Elsa nicht mehr mit denselben Augen anschaute wie noch vor Wochen. Nachdem er mit ihr beim Oberalpbauern gewesen war, spürte er, wie viel mehr ihn mit ihr verband als nur eine Schicksals- oder Wohngemeinschaft. Sie faszinierte ihn. Beinahe hätte er Elsa nach der Geburt sie auch geküsst, als sie so glücklich nebeneinander auf dem Felsen in dem Mondlicht gesessen hatten. Knapp hatte er sich noch zurückhalten können. Denn er wusste, es war falsch. Ausserdem würde eine Liebesbeziehung zu ihr den Fall seines Bruders unweigerlich in einem anderen Licht erscheinen lassen. Das wollte er nicht. Er hatte zudem bemerkt, wie unglaublich in sich zurückgezogen Elsa war. Sie schien nicht viel von menschlicher Nähe zu halten. Zwar kochte sie inzwischen für ihn und unterhielt sich auch beim morgendlichen Kaffee mit ihm. Jedoch die meiste Zeit hielt sie sich in der Schule oder in ihrem Schlafzimmer auf. Er konnte sich nicht vorstellen, warum eine derart tiefgläubige Frau einfach nur Lehrerin und nicht Nonne wurde.
Robert lud sie an jenem Tag ein, mit ihm den Abend in seiner Bibliothek zu verbringen. Er bot ihr an, Bücher für die Schule zu verwenden. Elsa freute sich sehr über dieses Angebot und begann, Buch für Buch durchzublättern.
Er setzte sich in seinen alten Ohrensessel, zündete sich eine Zigarre an und begann zu lesen. Von Zeit zu Zeit beobachtete er sie verstohlen, wie sie tief in Gedanken versunken in seinen Büchern blätterte.
Einige Zeit später, er war eingeschlafen, spürte er, wie sie sich über ihn beugte. Er glaubte schon, sie wäre gekommen, um ihn zu küssen, doch sie löschte lediglich die Zigarre aus, damit er sich nicht verletzte. Das rührte ihn sehr.

23.Kapitel: ein Sturm und das Tauwetter

Elsa versuchte sich ein wenig zu abzulenken, indem sie abends Socken strickte. Sie war eigentlich zufrieden, denn ihre Schüler bereiteten ihr grosse Freude. Einzig der Gedanke an die bevorstehende Anklage liess sie nachts nicht mehr schlafen. Sie fühlte unendliche Dankbarkeit. weil Miriam Gröblin sich so für sie eingesetzt hatte, Sie konnte sogar darüber hinwegsehen, dass sie sich nun duzten.
Doktor Forster war ebenfalls sehr freundlich zu ihr. Sie dachte daran, wie schön das Leben eigentlich sein konnte. Der Doktor hatte sich sogar an Katharina die Grosse gewöhnt und das, obwohl er behauptete, er möge keine Katzen. Katharina hatte allerdings nicht lange gebraucht, bis sie den Arzt um ihre Samtpfoten gewickelt hatte. Dieser genoss nun die angenehme Anwesenheit der braunen Katze, die ihrerseits den Menschen an ihrer Seite gewähren liess.
Der Winter meldete sich an. Die Windböen wurden immer stärker.

Sie hatte sich gerade schlafen gelegt und betete zum Herrgott. Als sie über Katharinas Köpfchen streichelte, fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein. Wie schon in den vergangenen Wochen wurde sie von vielerlei Albträumen geplagt. Einmal sah sie sich gehetzt von rotgesichtigen Teufeln, die Messer in den klauenartigen Händen hielten. Sie sah sich dastehen, während Julius die Treppe hinunter fiel. Und immer wieder ertrank sie im schwarzen See, der im Buchenwald lag. Sie quälte sich und murmelte, als es plötzlich an der Türe klopfte und Robert von draussen rief:
„Kann ich reinkommen? Sind Sie noch wach, Fräulein Kessel?“
Sie schrie auf.
„Mein Gott, ich wollte Sie nicht erschrecken, Fräulein Kessel. Ich brauche Ihre Hilfe.“
Sie rieb sich die Augen und blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
„Die Frau des Oberalpbauern kriegt ihr elftes Kind. Die Hebamme kann leider nicht kommen, weil sie bereits bei einer anderen Frau hilft. Ich brauche an meiner Seite eine Frau.“
Elsa wusste nicht, ob sie Forster ernst nehmen konnte.
„Was wollen Sie ausgerechnet von mir? Ich bin keine Hebamme.“
„Natürlich nicht. Aber Sie kennen die Kinder des Bauern und Sie sind ein bedachter Mensch. Also, ziehen Sie sich an und kommen Sie mit.“
Elsa warf sich einige warme Kleider über und hastete nach draussen. Der Doktor hatte bereits seine Arzttasche ins Auto gestellt. Wie ein Verrückter fuhr er los. Der Wind peitschte an den Wagen. Elsa wurde schnell übel. Wie durch ein Wunder musste sie sich nicht übergeben, wofür sie sehr dankbar war. Diese Blamage hätte sie nicht ertragen. Sie fuhren immer weiter hoch und Elsa bemerkte, was für einen weiten Weg die Oberalpkinder haben mussten. Das letzte Stück legten Robert und Elsa zu Fuss zurück, da es keinen befestigten Weg für das Auto gab. Der Ausblick über das ganze Tal trotz der nächtlichen Dunkelheit war atemberaubend. Erst jetzt bemerkte Elsa, dass der Vollmond über ihnen leuchtete und alles erhellte. Elsa wünschte sich in jenem Moment sehr, ihr Bein wäre heil. Sie könnte hinaufklettern und wäre wieder die junge Frau, die sie einmal gewesen war.
In der Stube der Familie brannte Licht. Der Bauer und der Grossvater sassen Stumpen rauchend vor einer Tasse Kaffee, während die Kinder am Boden spielten oder schliefen. Aus dem Schlafzimmer des Bauern hörten sie Schreie. Die Bäuerin schien unerträgliche Schmerzen zu erleiden.
„Es ist bald soweit“, sagte Robert.
Die Grossmutter hatte bereits Wasser gekocht. Robert redete der Frau gut zu. Die Wehen der Bäuerin waren stark. Ihr ganzer Körper erzitterte in Wellen.
Robert hiess Elsa hinter die Bäuerin zu sitzen, damit sie sich an Elsas Beinen festhalten konnte. Elsa tat wie ihr geheissen. Sie gab der Frau von hinten Halt und strich ihr immer wieder beruhigend und tröstend über den Kopf. Sie wunderte sich, dass sie es aushielt. Sie empfand nicht einmal Schmerzen in ihrem Bein.
Eine Stunde und viele weitere Wehen später war es soweit. Robert hatte sie von einem kleinen schreienden Mädchen entbunden. Elsa spürte, dass sie Teil eines bewegenden Moments war. Robert wusch es und reichte es der Mutter. Die Bäuerin strahlte über ihr ganzes, verschwitztes Gesicht.
Der Bauer war ebenfalls froh, dass seine Frau und seine Tochter, die noch keinen Namen hatte, alles gut überstanden hatten. Überschwänglich dankte er dem Arzt und Elsa.
Sie tranken noch zwei Kafi Kirsch mit den Grosseltern und dem Bauern und machten sich auf den Weg nach unten.
„Ich glaube, ich bin etwas betrunken“, rief Elsa. Sie war das Trinken nicht gewöhnt.
Robert reichte ihr seine Hand und gab ihr so ein wenig Stütze.
„Es ist auch an mir nicht spurlos vorüber gegangen. Setzen wir uns doch hin.“
Sie nahmen Platz auf einem kleinen Felsen und blickten ins Tal.
„Als ich noch ein junger Arzt war, bin ich jeweils nach einer geglückten Geburt in den Blausee gesprungen. Nachts, beim Mondlicht und splitterfasernackt. Das war ein wunderbares Gefühl.“
„Auch im Herbst?“, fragte sie verwundert.
Er nickte lausbübisch.
Elsa blickte ihn an und glaubte zum ersten Mal seit langem Glück in seinen Augen zu sehen. Die Geburt des kleinen Mädchens hatte ihm gut getan. Seine müden Gesichtszüge hatten sich verjüngt.
„Sie lieben Ihren Beruf über alles. Nicht wahr?“
Robert nickte erneut.
„Kommen Sie mit? Fahren wir an den Blausee und springen wir hinein?“
Elsa winkte entsetzt ab.
„Nein. Ich werde nicht in dieser Kälte in einen See springen. Und ich werde mich auch nicht ausziehen.“
Robert blickte sie grinsend an.
„Das war nur ein Spass.“
Überdeutlich konnte sie im Schein des Mondlichts den Schalk in seinen Augen aufblitzen sehen.
„Ich will mir hier auch nicht den Tod holen. Kommen Sie. Fahren wir nach Hause.“
Als sie im Auto sassen, blickte Elsa Robert an. Sie mochte sein ernstes Gesicht, seine kleinen dunklen Augen. Sie konnte sich in jenem Moment lebhaft vorstellen, wie er als junger hoffnungsvoller Arzt ausgesehen hatte. Sie bereute es, dass sie ihn damals noch nicht gekannt hatte. Vielleicht wäre alles anders geworden, dachte sie für einen kurzen Moment. Sie waren beide verschwitzt von den Anstrengungen der Geburtshilfe und unwahrscheinlich glücklich, fuhr ihr durch den Kopf.